Die Griechen sitzen um das Mittelmeer wie die Frösche um den Teich, soll der Philosoph Platon gesagt haben. Er meinte damit die vielen Städte, die seine Landsleute an den Küsten gegründet hatten. Um die Lage in der Region heute treffender zu beschreiben, müsste man den Spruch freilich abwandeln: Unter dem Mittelmeer liegt jede Menge Erdgas, und die Frösche drum herum streiten sich um den Teich.

Einer dieser Frösche heißt Recep Tayyip Erdoğan. Der türkische Präsident will die Ansprüche seines Landes im östlichen Mittelmeerraum durchsetzen, selbst wenn er dafür jetzt ein hohes Risiko eingeht. Vergangene Woche verkündete Erdoğan, dass er sein Militär nach Libyen entsandt hat. Noch sollen die ersten Truppen in dem nordafrikanischen Konfliktland nicht kämpfen, sagte der Präsident, sondern nur die "legitime Regierung" dort unterstützen. Doch sein Schritt hat die anderen Länder am Mittelmeer aufgescheucht.

Alarmiert ist vor allem eine Allianz aus Staaten, die sich formiert hat, um die Erdgasvorkommen in der Region unter sich aufzuteilen. Zypern, Israel, Griechenland und Ägypten haben sich erst vor wenigen Jahren zum sogenannten Gasforum östliches Mittelmeer zusammengeschlossen und dabei die Türkei außen vor gelassen. Die Harmonie im Club Med, wie die Allianz scherzhaft genannt wird, hat Erdoğan jetzt mit seiner Intervention in Libyen empfindlich gestört.

Ergiebige Gasvorkommen

Die Türkei verschafft sich in Libyen nicht allein eine Operationsbasis für ihr Militär in der Region. Erdoğan hat sich seine Hilfe in Tripolis zuvor bezahlen lassen. Ende vergangenen Jahres unterzeichneten die beiden Regierungen ein Abkommen, das die exklusive Wirtschaftszone der Türkei im Mittelmeer nach Südwesten hin stark ausweitet und damit eine direkte Seegrenze zur libyschen Wirtschaftszone schafft. Für die anderen Anrainerstaaten und besonders für Griechenland stellt das eine Provokation dar. Die Insel Kreta etwa wird in diesen Plänen so behandelt, als gäbe es sie nicht.

In den Wirtschaftszonen des Meeres haben Küstenstaaten üblicherweise das alleinige Recht zur kommerziellen Ausbeutung. Das betrifft die Fischerei, aber auch alles, was sich am Meeresboden und darunter abspielt. Die Zonen greifen deutlich weiter aus als der Hoheitsbereich eines Landes, sie können bis zu 200 Seemeilen ins Meer hineinreichen. Werden in einem solchen maritimen Gebiet etwa Öl- oder Erdgasvorkommen vermutet, verkaufen Länder Lizenzen zur Erkundung und Förderung an Energieunternehmen. Es ist ein Geschäft, das sich für die Staaten lohnt, da sie in der Regel auch langfristig von den Erträgen aus der Förderung profitieren.

Wie die Türkei ihre Ansprüche im Mittelmeer ausweitet

Die Gasvorkommen im östlichen Mittelmeerraum blieben lange unerforscht, erst in den 1990er-Jahren haben die Erkundungen begonnen. Ägypten fördert schon länger Erdgas in seinem direkten Küstenbereich, aber in den 2000er-Jahren haben Förderunternehmen auch Felder erschlossen, die ziemlich genau in der Mitte des Meeres südlich von Zypern, westlich von Israel und nördlich von Ägypten liegen. Besonders ergiebig sind dort das ägyptische Feld Zohr, die israelischen Fördergebiete Leviathan und Tamar und das Feld Aphrodite, das sich Zypern und Israel teilen. Diese Felder aber liegen so weit südlich der türkischen Küste, dass deren Ausbeutung weitgehend unumstritten blieb. Der Konflikt spielt sich weiter nördlich auf der Karte ab.

Nach Verhandlungen mit den anderen Staaten des Club Med hat Zypern im Jahr 2011 seine Wirtschaftszone nach Süden hin abgesteckt und 13 Planquadrate ausgewiesen. Für diese sogenannten Blocks hat das Land Lizenzen zur Erkundung vergeben, ohne Rücksicht auf die Türkei zu nehmen. Damit begann der Streit mit der Regierung in Ankara, die einen Teil des Feldes im Südwesten der Insel für sich beansprucht. Seither hat die türkische Marine die Bohrschiffe internationaler Förderunternehmen daran gehindert, die Erkundung voranzutreiben, und stattdessen eigene Bohrschiffe in das umstrittene Gebiet geschickt.

© Quelle: petroleum-economist.com

Zu Beginn des neuen Jahres nun kulminierten die Ereignisse. Zypern, Griechenland und Israel verkündeten, dass sie sich auf den Bau einer neuen Erdgasleitung geeinigt hätten: die Eastmed Pipeline. Über 1.872 Kilometer soll Gas, das vor den Küsten Zyperns und Israels gefördert wird, über Kreta auf das griechische Festland und von dort aus in weitere europäische Staaten wie Italien fließen. Am selben Tag beschloss das türkische Parlament in Ankara, der Entsendung von Truppen nach Libyen zuzustimmen. Damit war auch das Bündnis Erdoğans mit der Regierung in Tripolis besiegelt und gleichzeitig die gemeinsam vereinbarte Grenze der Wirtschaftszonen im Mittelmeer. Doch genau durch dieses Gebiet soll die neue Eastmed Pipeline führen, was wiederum Erdoğan nicht zulassen dürfte.