Wenn aus Scham die Rente zu gering ist – Seite 1

Weit mehr als die Hälfte der Rentnerinnen und Rentner in Deutschland, die so geringe monatliche Einkommen haben, dass ihnen Grundsicherung zusteht, nimmt diese nicht in Anspruch. Geschätzt 625.000 Rentnerhaushalte in unserem Land leben offensichtlich von weniger als dem, was Staat und Gesellschaft für ein absolutes Minimum für den Lebensstandard erachten. Dies ist das alarmierende Resultat einer Studie des DIW Berlin.

Beziehen Menschen im Alter so geringe Einkommen aus gesetzlicher Rente und anderen Quellen, dass sie – im Fall eines Alleinstehenden – weniger als ungefähr 870 Euro jeden Monat zum Leben haben, dann besteht ein Anspruch auf Grundsicherung, um zumindest dieses Einkommen gewährleisten zu können. In Deutschland sind dies heutzutage 570.000 Rentnerinnen und Rentner, die einen solchen Anspruch geltend machen, um auf das monatliche Mindesteinkommen zu kommen.

Die Zahl der Menschen, die Grundsicherung beziehen, hat sich seit ihrer Einführung mehr als verdoppelt, von 260.000 Menschen im Jahr 2003 auf heute 570.000. Dieser Anstieg erklärt sich nicht nur durch die Alterung, also die steigende Zahl älterer Menschen, sondern auch durch die Tatsache, dass immer mehr in ihrem Arbeitsleben zu geringe Ansprüche an die gesetzliche Rentenversicherung erwerben, um über die Schwelle dieser Grundsicherung zu kommen: sei es wegen zu geringer Stundenlöhne, längerer Zeiten von Erwerbslosigkeit oder wegen Teilzeitarbeit.

Der Staat profitiert

Noch schockierender ist jedoch, dass geschätzt 625.000 Rentnerhaushalte heute in Deutschland zwar Anspruch auf Grundsicherung im Alter haben, diese jedoch nicht beanspruchen. Somit bekommen wohl 60 Prozent aller Rentnerinnen und Rentner die ihnen zustehende Grundsicherung nicht. Die dadurch verursachten Einkommenseinbußen sind für diese Menschen enorm: Nähmen sie die Grundsicherung in Anspruch, erhöhte sich ihr monatliches Einkommen um durchschnittlich 30 Prozent.

Für das Beispiel einer allein lebenden Rentnerin, die im Durchschnitt 651 Euro an monatlichen Einkommen (meist durch die gesetzliche Rente) erhält, bedeutet dies, dass sich ihr Einkommen mit Grundsicherung auf 862 Euro erhöhen würde. Das sind 211 Euro im Monat, die für die allermeisten der Betroffenen einen großen Unterschied im Lebensstandard ausmachen würden. Dabei gibt es bestimmte Gruppen, die sehr viel häufiger als andere auf diese Grundsicherung verzichten: vor allem Frauen, Verwitwete, Rentnerinnen und Rentner, die älter als 76 Jahre sind und solche in Westdeutschland.

Der Staat profitiert erheblich von diesen Menschen, er spart dadurch etwa zwei Milliarden Euro jedes Jahr ein. Zum Vergleich: Diese Summe entspricht ungefähr dem, was die Bundesregierung durch die vor Kurzem beschlossene Grundrente zumindest einigen dieser Menschen wieder zukommen lassen will. Wer also über die Kosten der Grundrente schimpfen möchte, sollte sich auch darüber bewusst sein, dass der Staat diese Summe bei den oftmals identischen Rentnerinnen und Rentnern einspart. Trotzdem muss betont werden, dass die Grundrente bei Weitem nicht ausgleicht, was bei der Grundsicherung nicht in Anspruch genommen wird. Denn viele der Betroffenen waren nicht 35 Jahre lang erwerbstätig und werden daher von der Grundrente nicht profitieren, vor allem viele Frauen.

Grundsicherung ist kein Almosen

Was sind die Gründe für diese alarmierend hohe Rate von Menschen, die die Grundsicherung im Alter nicht in Anspruch nehmen? Hierüber gibt es keine empirischen Belege, aber doch einige Anhaltspunkte. Zum einen spielt wohl die Stigmatisierung von Sozialleistungen eine erhebliche Rolle. So wollen viele Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben, eben nicht im Alter auf Almosen angewiesen sein. Eine hohe Priorität muss daher sein, diese Stigmatisierung aufzuheben und den Menschen bewusst zu machen, dass sie einen Rechtsanspruch auf diese Grundsicherung haben.

Hinzu kommt, dass für viele Rentnerinnen und Rentner die Regeln zu kompliziert sind. Viele wollen sich der Überprüfung von Einkommen und Vermögen nicht unterziehen oder finden die Antragsverfahren zu schwierig. Bessere Informationen, eine leichtere Beratung und eine deutliche Vereinfachung der Regeln würden helfen. Dies ist zum Teil bei der genannten Grundrente vorgesehen, aber der Staat könnte und sollte noch einen Schritt weitergehen und Ansprüche stärker automatisieren und für längere Zeiträume gewähren, sodass die Grundsicherung nicht jedes Jahr erneut beantragt werden muss.

Als Drittes muss die Aufklärung der Rentnerinnen und Rentner verbessert werden. Einige mögen sich nach wie vor darüber sorgen, dass der Staat auf das Einkommen der Kinder zurückgreifen könnte, um die Grundsicherung der Eltern zu sichern. Diese Möglichkeit wurde in der Vergangenheit stark beschränkt und auf Kinder mit Einkommen über 100.000 Euro begrenzt.

Die enorm hohe Zahl von 625.000 Rentnerhaushalten, die eine Grundsicherung im Alter nicht in Anspruch nehmen, ist ein weiteres Beispiel für das unzureichende Funktionieren der Sozialsysteme. Sie sind viel zu komplex und noch zu häufig auf Konditionalität und Sanktionen ausgerichtet. Eine stärkere Vereinfachung, mehr Transparenz und länger laufende und automatisierte Leistungsansprüche würden die Sozialsysteme nicht nur effizienter, sondern auch gerechter machen.