Vor einer Woche drückte die norwegische Ministerpräsidentin Erna Solberg auf den Knopf – und eröffnete damit offiziell Johan Sverdrup, das drittgrößte Ölfeld des Landes. Bis zu 440.000 Barrel Öl am Tag sollen der Betreibergesellschaft Equinor (ehemals Statoil) zufolge auf den insgesamt vier Plattformen 140 Kilometer westlich von Stavanger gefördert werden. In Phase eins. Nach 2022, in Phase zwei, sollen es bis zu 660.000 Barrel sein. Ein "technologischer Triumph", "ein Meilenstein" sei das, jubelt Equinor. Ministerpräsidentin Solberg spricht von Norwegens "größtem Industrieprojekt in der jüngeren Vergangenheit", das in den kommenden Jahrzehnten umgerechnet 90 Milliarden Euro in die Staatskasse spülen soll.

Es ist ein Projekt, das Fragen aufwirft: Immerhin beschloss Norwegen erst im Juni vergangenen Jahres, aus dem staatseigenen Fonds die Anteile von mehr als 150 Unternehmen zu verbannen, die ihr Geld mit Öl, Gas und Kohle verdienen. In den Pensionsfonds fließt seit 1990 ein Großteil der staatlichen Reichtümer aus der Ölförderung, um das Land für die Zukunft abzusichern. 

Auch sonst gibt sich das Land gerne grün und fortschrittlich. Bis 2030 will es seine Treibhausgasemissionen um 40 Prozent reduzieren, schon 2025 sollen nur noch Autos zugelassen werden, die im Betrieb keine Emissionen verursachen. Dank großzügiger staatlicher Anreize ist schon heute mehr als jedes zweite neu zugelassene Auto in Norwegen ein Elektrofahrzeug – nirgends auf der Welt ist der Marktanteil größer.

Anderswo fahren die meisten Menschen noch mit dem Verbrenner durch die Straßen und benötigen dafür Kraftstoff. Auch aus Öl, das jetzt auf dem Johan-Sverdrup-Ölfeld gefördert wird. Wie passt das zu dem grünen Image, mit dem sich das skandinavische Land gerne schmückt?

Ziemlich gut, wenn es nach Equinor geht. Weltweit gehe mit einem höheren Lebensstandard auch ein höherer Energiebedarf einher, heißt es bei dem Unternehmen, dessen größter Anteilseigner der norwegische Staat ist. Erneuerbare Energien könnten diesen Bedarf noch nicht decken, gleichzeitig produzierten die bestehenden Ölfelder nicht mehr so viel Öl wie gehabt. Für Equinor bedeutet das: Es müssen neue Ölplattformen her – aber die Förderung selbst soll emissionsarm sein. Weil Johan Sverdrup mit Wasserkraft betrieben werde, verursache die Förderung von Öl laut Konzern dort 80 bis 90 Prozent weniger CO2 als üblich.

Nicht nur Equinor und die Regierungskoalition aus Konservativen, Rechtspopulisten, Liberalen und Christdemokraten sehen das so. Auch der Chef der oppositionellen Sozialdemokraten feiert die neuen Ölplattformen als "Ingenieurskunst" und als Beispiel für "grüne Technologie". Es erstaunt wenig, dass er nicht gegen den Wirtschaftszweig wettert: Wenn die 200.000 Menschen, die in Norwegen ihr Geld mit Öl verdienen, ihren Job verlieren, hat auch der Chef der Arbeiterpartei ein Problem. Was in Deutschland die Automobilindustrie ist, das ist in Norwegen die Ölbranche. Über Regierung und Opposition hinweg sind sich in Norwegen daher bis auf die Grünen die Parteien einig, dass es möglichst lange weitergehen muss mit der Ölförderung. Wenn schon, dann in Norwegen, argumentieren sie.

Für Silje Ask Lundberg hingegen ergibt die Erzählung vom emissionsarmen Ölfeld "überhaupt keinen Sinn". Sie führt den norwegischen Naturschutzbund Naturvernforbundet an und sagt: "Ein Großteil der Emissionen entsteht nicht, während Öl gefördert, sondern wenn es verbrannt wird." Geht es nach Lundberg, dann hätten die Plattformen in der Nordsee nie gebaut werden dürfen.