Es waren Schlagzeilen, wie Spaniens Premier Pedro Sánchez sie liebt. Als seine Umweltministerin Teresa Ribera den Klimanotstand ausrief und gleich darauf die geplanten Maßnahmen der Regierung vorstellte, war von "ehrgeizigen Zielen" und einer "Vorreiterrolle" des Landes die Rede.

Bis 2040 will die viertgrößte Wirtschaftsmacht der EU den Strom zu 85 bis 95 Prozent aus erneuerbaren Energien beziehen, 2050 sollen es 100 Prozent sein. Neun der 14 Kohlekraftwerke werden in den nächsten Jahren geschlossen, nach 2030 geht auch das letzte Atomkraftwerk vom Netz. In Städten mit mehr als 50.000 Einwohner werden Umweltzonen Pflicht, in denen alte Autos verboten sind, Dieselsubventionen werden gestrichen. Alles für ein prima Klima. "Wir tun das aus Gründen der Gerechtigkeit, für die Zukunft unseres Landes und aus Verantwortung heraus", sagte Umweltministerin Ribera bei der Vorstellung des Programms und blickte dazu ernst und entschlossen in die Kameras.

Kaum war der Auftritt der Umweltministerin vorbei, teilte Pedro Sánchez ihn auf seinem Facebook-Account. Teresa Ribera ist einer der Stars der neuen spanischen Regierung. Die 50-jährige Madrider Anwältin gilt als anerkannte Expertin für nachhaltige Entwicklung. Sánchez hat sie zu einer von vier Vizepräsidentinnen ernannt. Ihr als Querschnittressort angelegtes Ministerium soll beweisen, wie ernst es der Regierung mit der "ökologischen Transformation" des Landes ist.

Bereits im letzten Jahr, als alle 28 EU-Staaten in Brüssel ihre Energie- und Klimapläne einreichen mussten, gab es Lob. Riberas Programm erhielt von der European Climate Foundation die Bestnote, Deutschland landete damals auf dem drittletzten Platz. "An einer Energiewende führt kein Weg vorbei", beteuert die Ministerin.

Großkonzerne bauen Großprojekte

Wer durch Spanien fährt, bekommt den Eindruck, dass die Regierung in der Stromindustrie einen mächtigen Verbündeten hat. Großprojekt reiht sich an Großprojekt. Der Konzern Iberdrola hat zwischen den Olivenhainen der Extremadura eine 1.000 Hektar große Photovoltaikanlage errichtet und plant in der Region bereits das nächste Kraftwerk: Die Anlage wird mit einer Leistung von 590 Megawatt eine der größten Europas. Auf den Hügeln der Mancha in Zentralspanien drehen sich die Windräder des Stromversorgers Endesa neben den Windmühlen, gegen die Cervantes seinen Don Quijote kämpfen ließ.

Etwa 40 Prozent des spanischen Strombedarfs werden derzeit mit Wasser, Wind und Sonne produziert. Als erster Gas- und Ölkonzern der Welt hat sich die spanische Repsol bis 2050 zur Klimaneutralität verpflichtet – und plant den Bau zweier Photovoltaikanlagen und einer Windkraftanlage mit insgesamt 1.600 Megawatt Leistung. Alles in Butter also in Sachen erneuerbare Energien – oder?

Fernando Prieto, Direktor des Thinktanks Observatorio de Sostenibilidad ist skeptisch. "Statt riesiger Solaranlagen im Nirgendwo zu bauen und dazu massenhaft Land zu verbrauchen, wäre es ökologisch viel verträglicher, Spaniens Dächer mit Photovoltaikplatten auszustatten", sagt der Umweltwissenschaftler. "Es ist doch vollkommen unsinnig, dass Deutschland 1,4 Millionen Solardächer hat – und wir, im Land der Sonne, gerade einmal 10.000."

Doch Ideen für solche dezentralen Projekte haben es schwer in Spanien. Der Energiemarkt wird von fünf großen Konzernen beherrscht, die 70 Prozent der Stromproduktion und 90 Prozent des Verkaufs kontrollieren. Kostenintensive Kleinprojekte passen da nicht in den Kram. "Wenn es Spaniens Regierung ernst ist mit der ökologischen Wende, dann muss sie den Markt für kleinere Anbieter öffnen", sagt Prieto.

Außerdem fordert Prieto, die Stromversorger stärker als bisher in die Pflicht zu nehmen. Im spanischen Klimaverschmutzer-Ranking stehen die großen Energiekonzerne ganz oben: 2018 war allein Endesa für gut neun Prozent der gesamten CO2-Emissionen verantwortlich. "Wer verschmutzt, muss bestraft werden – etwa durch Steuern", sagt Prieto. Die Regierung Sánchez hat zwar Ökosteuern angekündigt. Aber inwiefern sie auch die großen Konzerne treffen, ist noch offen. Wie Prieto fürchten viele Umweltexperten, dass der "Club der großen Fünf" die Klimapläne der Regierung aufweichen könnte.