Es ist furchtbar, ständig von einem schlechten Gewissen geplagt zu sein. Ist das Fleisch, das ich esse, wirklich nachhaltig hergestellt? Müssen Menschen am anderen Ende der Welt leiden, wenn ich eine Jeans kaufe, die unter unwürdigen Bedingungen produziert wurde? Selbst wenn man als Verbraucher alles richtig machen möchte, kann man nie sicher sein, dem Anspruch, sozial und ökologisch nachhaltig zu konsumieren, wirklich gerecht zu werden. Deshalb ist es unverfroren und perfide, wenn jetzt Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) den Menschen vorwirft, sich ihren Konsumgelüsten gedankenlos hinzugeben.

Sie finde es zwar gut, sagte Klöckner in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, dass sich die Menschen heute mehr als früher für Tierhaltung interessierten. "Dann müssen sie aber auch wissen, dass das mehr kostet – und sagen: Ich esse vielleicht nicht mehr jeden Tag Fleisch, dafür aber besseres." Später ergänzte die Ministerin, statt für gutes Essen würden die Leute ihr Geld lieber anders investieren: "Teure Handys finden reißenden Absatz."

Äußerungen wie diese stehen für eine fehlgeleitete Debatte, die sich auf immer mehr Lebensbereiche ausweitet. Politikerinnen und Politiker schieben die Verantwortung für ihre Versäumnisse auf die Bürgerinnen und Bürger und geben ihnen die Schuld dafür, durch ihren übermäßigen Konsum die Welt zu einem schlechteren Ort zu machen. Aber da muss man einmal fragen dürfen: Wo leben wir eigentlich? Richtig, in einer Marktwirtschaft. Und in dieser gelten die Gesetze von Angebot und Nachfrage. Wer es zulässt, dass gewisse Produkte zu gewissen Preisen in Geschäften angeboten werden, der darf sich nicht darüber wundern, dass die Menschen diese Dinge auch kaufen.

Getrimmt auf ein Leben des Immermehr

Es ist doch völlig absurd, in einem freien Markt für alles den Verbraucher verantwortlich zu machen. Klimawandel? Bitte, fahrt weniger Auto! Bitte, fliegt nicht so oft in Urlaub! Als ob in den vergangenen 70 Jahren in Deutschland und sämtlichen anderen westlichen Industrienationen nicht alles darauf ausgerichtet war, die Menschen auf ein Leben des Immermehr zu trimmen – durch die Werbung, durch ein gesellschaftliches Ideal, letztlich auch durch eine Politik, die auf ein anhaltendes Wachstum angewiesen ist. Aber damit muss Schluss sein, daran besteht kein Zweifel. Ob wir über das Klima reden, über Kinderarbeit in Asien oder über das Tierwohl auf deutschen Bauernhöfen. Die Frage ist nur, wer am meisten Verantwortung trägt, zu handeln.

Ja, die Konsumentinnen sind auch verantwortlich und sie können durch ihr Kaufverhalten einiges bewegen. Das hat sich gerade in den vergangenen Jahren im Biotrend für Lebensmittel gezeigt und zeigt sich ganz allmählich auch in der Textilindustrie, die im eigenen Interesse stärker auf faire Produktion und höhere Umweltstandards achtet. Aber der Einfluss der Verbraucher ist beschränkt, auch ihre Kontrollmöglichkeiten sind es. Man kann nicht jede Kuh persönlich kennenlernen, nicht jede Näherin in Bangladesch besuchen.

Es ist übrigens kein Wunder, dass Deutschland, wie Frau Klöckner bemängelt, im "EU-Vergleich am unteren Ende" steht bei den Ausgaben für Lebensmittel. Deutschland hat im EU-Vergleich auch einen der größten Niedriglohnsektoren. Vielen Menschen bleibt nichts anderes übrig, als im Discounter einzukaufen. Statt also die Verbraucher zu beschimpfen, sie würden ihr Geld für Handys herausschmeißen und nicht für gutes Essen ausgeben, sollte Frau Klöckner lieber selbst handeln. Und das gilt auch für ihre Kolleginnen und Kollegen in der Bundesregierung. Denn sie können eine Menge bewirken, wenn sie doch nur wollten.

Frau Klöckner könnte etwa damit anfangen und für die Landwirtschaft strengere Haltungsrichtlinien und eine verpflichtende Auszeichnung von Produkten einführen. Aber warum nicht ein bisschen ehrgeiziger und sich schon jetzt darauf festlegen, dass die gesamte deutsche Agrarproduktion in einem bestimmten Zeitraum voll und ganz auf bio umgestellt wird? Stattdessen verlangt die Ministerin, die Verbraucher sollen doch bitte klüger einkaufen. So wird das nichts.

Wer ständig verzögert, wird verlieren

Wer eine bessere Welt schaffen will, muss dem Markt und der Wirtschaft klare Grenzen setzen. Das gilt genauso für unsere T-Shirts und Hosen wie für Kaffee und Fahrräder, schlichtweg für alles, das deutsche Unternehmen im Ausland herstellen lassen und hier verkaufen. Es ist möglich, einen Rahmen zu schaffen, der faire Produktion in den Schwellenländern garantiert. Frankreich und Großbritannien haben dies mit eigenen Gesetzen vorgemacht, jetzt kann Deutschland nachziehen. Wer in die Bundesrepublik exportieren will, müsste sich dann an Mindestrichtlinien bei Umweltschutz und Sozialstandards halten. Längst wird diskutiert über ein entsprechendes Lieferkettengesetz, dass deutsche Unternehmen dazu verpflichten würde, ihre Zulieferer darauf festzulegen. 

Was aber passiert, wenn Politik ihre Verantwortung immer weiter aufschiebt oder abwälzt, kann derzeit am Zustand der deutschen Autoindustrie besichtigt werden. Jahrelang hat sich die Bundesregierung geweigert, der Branche strengere Auflagen zu machen. Jetzt geraten die großen Hersteller international ins Hintertreffen, weil ihre sprit- und emissionsintensiven Großkarossen weniger gefragt sind. Hastig wird die Wende zur Elektromobilität eingeleitet, und das kostet Hunderttausende Arbeitsplätze.

Die globalen Trends zu mehr Nachhaltigkeit verstärken sich zusehends und betreffen fast alle Lebensbereiche. Ständig nur auf den Verbraucher zu verweisen, reicht nicht aus, um sich an diesen Wandel anzupassen. Wer ihn verschläft oder verzögert, kann am Ende nur verlieren. 

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