Mit einer vermeintlich freundlichen Geste ist es Joe Kaeser gelungen, Luisa Neubauer in die Defensive zu bringen: Der Siemens-Chef kann sich vorstellen, dass die Fridays-for-Future-Aktivistin einen Sitz im Aufsichtsrat der geplanten neuen Energiesparte des Konzerns übernimmt.

Das ist der überraschende Ausgang eines Gesprächs, bei dem es vor allem um das umstrittene neue Kohleinvestment von Siemens ging. Kaeser hat dabei angekündigt, bis Montag darüber zu entscheiden, ob der umstrittene Auftrag zur Lieferung einer Zugsignalanlage für ein Kohlebergwerk in Australien ausgeführt wird. Ein kleiner Sieg für die Umweltschützer, die das Vorhaben seit Wochen kritisieren.

Überschattet wird dieser Sieg allerdings von Kaesers Offerte, die ihm gleich doppelt nutzt: Zum einen lässt sie das eigentliche, für Siemens durchaus unangenehme Thema in den Hintergrund treten. Zum anderen beweist Kaeser damit – zumindest vordergründig – seine Offenheit: Seht her, wir würden auch eine große Klimaschützerin als Aufseherin für unsere neue Energiesparte akzeptieren!

Doch das Angebot ist vergiftet. Es bringt Neubauer in die Bredouille: Sollte sie es entgegen aller Erwartungen akzeptieren, würde sie jede Glaubwürdigkeit verlieren. Eine prominente Aktivistin, die sich von einem Großkonzern vereinnahmen lässt? Das würde dem Klimaschutz und der Bewegung in Deutschland schaden. Im Vorfeld des
Gesprächs war Neubauer allein schon für ihre Bereitschaft kritisiert worden, mit Kaeser zu sprechen.

Wählt Neubauer dagegen die naheliegende Variante und lehnt ab, kann sich Kaeser darauf zurückziehen, seinen Kritikerinnen entgegengekommen zu sein. Und man kann Neubauer vorhalten, die Chance, konkret zu gestalten, nicht wahrgenommen zu haben. Statt das System von innen heraus zu verändern, würde sie weiter den Weg der fundamentalen Klimaopposition wählen.

Natürlich trägt dieser Vorwurf eigentlich nicht, schließlich wäre Neubauer im Aufsichtsrat von Siemens Energy nur eine von vielen. Große Gestaltungskraft hätte sie höchstwahrscheinlich nicht. In der fast schon aggressiven Klimadebatte würde das ihren Gegnern dennoch eine neue Angriffsfläche eröffnen.

Es ist deshalb verständlich, dass sich Neubauer nicht gleich zu dem Angebot äußern wollte. Doch ganz gleich, wie sie sich entscheidet: Sie kann eigentlich nicht gewinnen. Joe Kaeser hat dagegen zumindest für den Moment den Druck von seinem Konzern genommen. Das nennt man dann wohl eine erdrückende Umarmung.