Er ist also doch noch irgendwo untergekommen. Sigmar Gabriel zieht in den Aufsichtsrat der Deutschen Bank ein – und die Aufregung ist groß. Der nächste Sozialdemokrat, der seine Wurzeln kappt, nachdem Gerhard Schröder sein Geld beim russischen Energiekonzern Rosneft verdient? Man sollte – um mit jenem Schröder zu sprechen – die "Kirche im Dorf" lassen.

Die Deutsche Bank war in den vergangenen Jahren bei vielen schmutzigen Geschäften dabei und hat nicht zuletzt Donald Trump finanziert, als der heutige US-Präsident bei allen anderen Banken längst als nicht mehr als kreditwürdig eingeschätzt wurde. Aber die aktuell amtierende Führungsmannschaft will den Konzern neu aufstellen und mit der Vergangenheit brechen.

Als Aufsichtsrat könnte Gabriel den nötigen Wandel vorantreiben. Er könnte zum Beispiel dafür sorgen, dass alle Unterlagen über möglicherweise zweifelhafte Geschäfte Trumps an die Aufsichtsbehörden ausgehändigt werden. Dass die Bank beim Thema Klimawandel eine Vorreiterrolle einnimmt. Oder zu einem echten Dienstleister der Wirtschaft wird. Es ist jedenfalls nicht per se unmoralisch, für die Deutsche Bank zu arbeiten. Es sei denn, man ist der Meinung, dass Banken generell böse sind.

Gabriel bringt wichtige Kontakte mit

Ist Gabriel dafür der Richtige? Von Kreditderivaten, Repogeschäften und anderen Details des Finanzgeschäfts hat er nach allem, was man weiß, nicht allzu viel Ahnung. Aber dafür gibt es andere. Gabriel ist ein politisches Schwergewicht und hat aus seiner Zeit als Außenminister gute Verbindungen in viele Hauptstädte. Das ist für einen international tätigen Konzern in einer immer unübersichtlicheren Weltlage durchaus ein Vorteil.

Aus Sicht der SPD kommt der Wechsel natürlich zur Unzeit. Ausgerechnet in dem Augenblick, in dem die Partei mit einer programmatischen und personellen Neuausrichtung die kleinen Leute für sich gewinnen will, geht einer ihrer bekanntesten Politiker zu einem großen Konzern. Anderseits war die SPD in ihren guten Zeiten immer auch eine Partei mit guten Drähten in die Wirtschaft. Es kann nämlich nie schaden, ein paar Leute an den Schaltstellen der Macht sitzen zu haben.

Man hört und sieht als Aufsichtsrat einer internationalen Bank das eine oder andere, das für die innerparteiliche Meinungsbildung hilfreich sein kann. Sicher: Von Information zu Indoktrination ist es nur ein kleiner Schritt. Aber dass der Wechsel zwischen Finanzen und Politik nicht unbedingt mit unbotmäßiger Einflussnahme einhergehen muss, zeigt eine andere sozialdemokratische Personalie: Der ehemalige Goldman-Sachs-Chef Jörg Kukies arbeitet unter Olaf Scholz als Staatssekretär im Bundesfinanzministerium – und man kann nun wahrlich nicht behaupten, dass Scholz eine besonders bankenfreundliche Politik macht.

Und noch aus einem dritten Grund ist Gabriels Schritt aus Sicht der Sozialdemokraten möglicherweise von Vorteil. Der ehemalige Parteichef teilt gern mit, was er denkt. In den vergangenen Wochen hatte er sich wiederholt in parteiinterne Auseinandersetzungen eingemischt, was der Geschlossenheit der SPD nicht unbedingt zuträglich war. In seinem neuen Job wird Sigmar Gabriel mit öffentlichen Äußerungen künftig zurückhaltender sein müssen. Das ist nicht unbedingt eine schlechte Nachricht.