Auf den Rambles in Barcelona versuchen Souvenirverkäufer leuchtende Plastikpropeller an Stadtbesucher zu bringen, Touristengruppen schieben sich träge gen Hafen. Miriam Suárez läuft Zickzack zwischen ihnen, auf dem Weg zum nächsten Metroeingang. Wie jeden Tag hat sie sechs Stunden Betten gemacht, Bäder geputzt, Flure gewischt, jetzt will sie nur noch nach Hause. "Ich bin jeden Tag fix und fertig", sagt die 38-jährige Ecuadorianerin, die als Zimmermädchen in einem Hotel an Barcelonas berühmter Flaniermeile arbeitet, und massiert ihr Handgelenk. 700 Euro verdient sie in ihrem Teilzeitjob. Um über die Runden zu kommen, vermietet sie ein Zimmer ihrer Wohnung unter.

Der spanische Arbeitsmarkt hat sich auch sieben Jahre nach der schweren Wirtschaftskrise nicht erholt. Zwar ist die Arbeitslosigkeit seit 2013 von 26 auf knapp 14 Prozent gesunken, allerdings sind über ein Viertel der Verträge befristet und 14 Prozent Teilzeitbeschäftigungen. Mit 1.944 Euro liegt der Bruttodurchschnittsverdienst in Spanien deutlich unter dem EU-Durchschnitt, ein Drittel der Arbeitnehmer verdient laut Statistikamt weniger als 1.260 Euro.

Spaniens neue Regierung hat Sozial- und Wirtschaftsreformen versprochen. Mit einer symbolischen Anhebung der Rente um 0,9 Prozent hat die Linkskoalition zwischen den Sozialdemokraten und dem linksalternativen Bündnis Unidas Podemos auf der ersten Sitzung des Ministerrats bereits ein Zeichen gesetzt. In den kommenden Monaten will sie den Mindestlohn auf 60 Prozent des Durchschnittslohns anheben, die Steuern für Gutverdienende erhöhen und die Arbeitsmarktreform von 2012 teilweise zurücknehmen. Unternehmern mache das Angst, sagt der Präsident des spanischen Arbeitgeberverbands CEOE, Antonio Garamendi.

Längst überfällig seien diese Maßnahmen, sagt die Hotelangestellte Suárez. "Während der Krise hat man alles auf unsere Schultern abgewälzt", schimpft die Ecuadorianerin, "die Unternehmer aber wurden immer reicher." Sie freut sich vor allem über die geplante Rücknahme der Arbeitsmarktreform. Mit dem umstrittenen Maßnahmenpaket wollte der damalige konservative Premier Mariano Rajoy das Land krisenkompatibel machen. Es ermöglichte Arbeitgebern, bei sinkenden Einnahmen den Lohn zu reduzieren, Angestellte kostengünstig zu entlassen und lockerte die branchenspezifischen Tarifverträge.

Die Regierung ist sich uneinig

Für Miriam Suárez bedeutete das: weniger Geld. Die Zeitarbeitsfirma, bei der sie damals beschäftigt war, bezahlte sie von einem Tag auf den anderen nicht mehr als Zimmermädchen, sondern als Reinigungskraft – mit 40 Prozent weniger Gehalt, erzählt sie. Auch als die Konjunkturdaten wieder nach oben zeigten, behielt man die Maßnahmen bei. Manche Wirtschaftsexperten sehen darin den Hauptgrund, warum sich in Spanien weder das Lohnniveau noch die Kaufkraft auf dem Vorkrisenniveau eingependelt haben.

Miriam Suárez zieht ein grünes T-Shirt mit dem Aufdruck "Las Kellys" aus der Handtasche. Aus Wut über die schlechten Arbeitsbedingungen hat sie sich mit Kolleginnen zusammengeschlossen, Mahnwachen, Streiks und Trillerpfeifenkonzerte organisiert. Der Name der Organisation steht für die Anfangssilben von las que limpian, "diejenigen, die putzen". Die Bewegung hat sich spanienweit Gehör verschafft, vor allem bei den linken Parteien. Wie von den Kellys gefordert, sollen laut Koalitionsvereinbarung statt betrieblicher Verträge wieder grundsätzlich die Branchentarifverträge gelten, Kündigungen wegen des hohen Krankenstands teurer werden. Auch sogenannte Externalisierungen könnten der Vergangenheit angehören: Unternehmen werden womöglich ihre Kernkompetenz nicht mehr auslagern dürfen. Zimmermädchen etwa wären dann grundsätzlich Hotelangestellte – und dürften nicht mehr als Reinigungskräfte bezahlt werden.

"Manche unserer Reformen werden klare Mehrheiten brauchen", sagte Premier Pedro Sánchez nach dem ersten Ministerrat. "Aber es gibt keine unüberwindbaren Hindernisse mit der Opposition." Tatsächlich sind die geplanten Sozial- und Wirtschaftsreformen, vor allem die Rücknahme der Arbeitsmarktreform, auch innerhalb seines Kabinetts umstritten. Die Konfliktlinie verläuft entlang der Parteien, zwischen traditionellen Sozialdemokraten und dem linken Bündnis Unidas Podemos. Der kleine Koalitionspartner stellt vier von 22 Ministerposten, darunter auch den der neuen Arbeitsministerin Yolanda Díaz. Die streitbare Arbeitsrechtlerin von der postkommunistischen Izquierda Unida hat sich auf Demonstrationen der Kellys gern in der ersten Reihe gezeigt und würde die Arbeitsrechtreform lieber heute als morgen abschaffen.