Am Weltwirtschaftsforum kommende Woche im Schweizer Davos nehmen zahlreiche Unternehmenschefs, aber auch US-Präsident Donald Trump, Kanzlerin Angela Merkel und die Klimaaktivistin Greta Thunberg teil. Am Freitag und Samstag treffen sich in Zürich dagegen rund 1.000 Kritiker zum Gegenkongress Das Andere Davos. Der Geschichtslehrer Philipp Gebhardt (31) gehört der linken Bewegung für den Sozialismus an, die das Treffen organisiert.

ZEIT ONLINE: Herr Gebhardt, Sie fordern von Greta Thunberg, nicht zum Weltwirtschaftsforum (WEF) nach Davos zu reisen. Warum sollte sie sich den Gesprächen verweigern? 

Philipp Gebhardt: Die Teilnehmer des WEF sind nicht die Lösung für die drohenden ökologischen Probleme, sondern die Verursacher. Mit unserem offenen Brief an Thunberg wollen wir das Greenwashing des Weltwirtschaftsforums bloßstellen und kritisieren. Nehmen Sie die Brände in Australien: Sie sind das Produkt eines von fossilen Energien getrieben Kapitalismus. Warum sollte man einem Pyromanen einen Feuerwehrschlauch in die Hand drücken?

ZEIT ONLINE: Gibt es schon eine Rückmeldung von Thunberg?

Gebhardt: Nein, bislang noch nicht.

ZEIT ONLINE: Ist es nicht wichtig, die Kritik direkt den Verantwortlichen zu sagen?

Gebhardt: Mit unserem Aufruf wollen wir auch in der Klimabewegung eine Diskussion forcieren, inwiefern es etwas bringt, mit dem Who's who der kapitalistischen Großkonzerne, mit großen Mineralölkonzernen wie Shell und BP und den großen Geschäftsbanken zu reden. Die wissen ganz genau, dass wir auf eine Katastrophe zusteuern. Aber die fossilen Energieträger sind ihre Geschäftsgrundlage; da erstaunt es nicht, dass sie nicht darauf verzichten wollen. Mit denen über den Ausstieg aus dem fossilen Kapitalismus zu diskutieren, ist zwecklos.

ZEIT ONLINE: Also war es auch falsch, dass Luisa Neubauer von Fridays for Future sich kürzlich mit Joe Kaeser von Siemens getroffen hat?

Gebhardt: Das kann sie natürlich machen, aber am Ende bringt das eben nichts. Der Siemens-Chef hat doch den umstrittenen Deal in Australien durchgewunken und beteiligt sich dort am Bau einer der größten Kohleminen weltweit.

ZEIT ONLINE: Wenn man nicht mit Unternehmenslenkern und Politikern redet, wie soll sich dann etwas ändern? Ihre Initiative ist, mit Verlaub, ja doch recht klein.

Möchten Sie wirklich mit einem Ölkonzern über seine eigene Abschaffung diskutieren?

Gebhardt: Natürlich können wir nicht im Alleingang die Wirtschaft umkrempeln, wir sind ja nicht größenwahnsinnig. Aber um es klar zu sagen: Beim Klima gibt es nichts zu verhandeln. Es gibt die Verursacher der Klimakatastrophe, die damit sogar Geld verdienen, und diejenigen, die sich dagegen wehren. Möchten Sie wirklich mit einem Ölkonzern über seine eigene Abschaffung diskutieren? Das funktioniert nicht.

ZEIT ONLINE: Aber wie wollen Sie ohne Gespräche mit den Unternehmen aus den Fossilen aussteigen?

Gebhardt: Die aktuelle Klimabewegung zeigt den Weg auf: Sie ist selbstorganisiert, selbstbewusst und in ihrer Grundausrichtung radikal – das heißt, sie will die Probleme an der Wurzel packen. Nehmen Sie den Energiekonzern RWE, der trotz des Pariser Klimaschutzabkommens weiterhin Kohle verbrennt und sich dabei auf sein Privateigentum beruft. Letzteres steht nun mal einer ökologisch-sozialen Gesellschaft im Weg.

ZEIT ONLINE: Also wollen Sie RWE enteignen?

Gebhardt: Ja, genau. RWE macht unsere Umwelt kaputt und zerstört längerfristig unsere Lebensgrundlagen. Ein solcher Konzern hat keine Existenzberechtigung. Da kennen wir keine Kompromisse. 

ZEIT ONLINE: Für einen solchen radikalen Schritt müssten Sie aber zuvor die Politik überzeugen.

Gebhardt: Unsere Ansprechpartner können doch nicht die sein, die seit Jahren nichts gegen den Klimawandel unternommen haben. Unsere Ansprechpartner in diesem Fall sind neben der Klimabewegung die Arbeiterinnen und Arbeiter bei RWE. Wir wollen keinen grünen Umbau, der auf Kosten der Jobs geht. Wir brauchen eine gesamtgesellschaftliche Perspektive, die zusammen mit den Beschäftigten in den betroffenen Sektoren erarbeitet wird: Wie können wir eine umweltverträgliche und soziale Gesellschaft aufbauen.

ZEIT ONLINE: Aber die RWE-Mitarbeiter fürchten doch um ihre Jobs.

Gebhardt: Aber sie haben auch ein Interesse, in einer Welt zu leben, in der man noch atmen kann. Atmen kommt immer noch vor dem Arbeiten. Das sind die großen Diskussionen, die wir auf unserer Gegenveranstaltung thematisieren.

ZEIT ONLINE: Aber genau über diese Punkte wird doch auch auf dem Weltwirtschaftsforum Davos diskutiert.

 Gebhardt: Die Gästeliste von Davos zeichnet sich dadurch aus, dass darauf Menschen und Konzerne stehen, die entweder die Klimakatastrophe verursacht oder nichts dagegen unternommen haben. Und dann nimmt das WEF noch ein paar Feigenblätter für das grüne Image dazu. Dazu zähle ich auch Greta Thunberg. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe größten Respekt vor ihr. Aber bei unserer Gegenveranstaltung sitzen die Aktivistinnen, Wissenschaftler, Arbeiterinnen und Arbeiter, die als lohnabhängige Bevölkerung darüber diskutieren, wie denn ein ökologischer, sozialer und feministischer Wandel zusammengehen kann. Denn eines ist klar: Einen grünen Kapitalismus wird es nicht geben.