In Deutschland kommt der Ausbau der Windkraft nicht voran, weil sich vielerorts Bürgerinitiativen gegen Windräder in der Umgebung wehren. Doch ohne mehr Windkraft wird die Energiewende scheitern. Deshalb will der SPD-Umweltpolitiker Matthias Miersch den Widerstand nun mit Hilfe eines Windbürgergeldes überwinden. Es soll als finanzielle Entschädigung an die betroffenen Kommunen und auch direkt an Nachbarn von Windrädern gezahlt werden. Doch im Extremfall könne ein Windbürgergeld die Konflikte sogar noch verschärfen, sagt der Experte für Bürgerbeteiligung Jörg Sommer. Er ist Vorstandsvorsitzender der Deutschen Umweltstiftung und Gründungsdirektor des Berliner Instituts für Partizipation, einer Denkfabrik, die sich mit den Elementen politischer Teilhabe über Wahlen hinaus beschäftigt.

ZEIT ONLINE: Herr Sommer, was halten Sie von einem Windbürgergeld?

Jörg Sommer: Wir haben im Ausbau der Windkraft ein Riesenproblem. Grundsätzlich ist es gut, dass man sich jetzt Gedanken macht, wie der Widerstand zu knacken wäre. Aber die Idee eines Windbürgergeldes für Einzelne halte ich für gefährlich.

ZEIT ONLINE: Wieso?

Sommer: Es könnte Begehrlichkeiten in anderen Bereichen wecken. Warum sollen beispielsweise Anwohner von Windrädern entschädigt werden, nicht aber Menschen, die an stark befahrenen Straßen wohnen? Es wirft ganz praktische Fragen auf. Wenn die Windräder etwa neben Mietshäusern gebaut werden, wen soll man dann entschädigen: die Besitzer der Häuser, die Vermieter, oder die Mieterinnen und Mieter?

Man würde Egoismus belohnen. Das halte ich auch demokratietheoretisch für problematisch.

Am wichtigsten aber ist: Ein Windbürgergeld kann die Spaltung der Gesellschaft noch vertiefen, etwa weil manche Anwohner Geld erhalten, andere, die nur ein paar Meter weiter wohnen, aber nicht. Oder weil manche Windkraftgegner das Geld akzeptieren, andere aber weiter protestieren. Durch Zahlungen an Einzelne würde der Gesetzgeber einen gesellschaftlichen Trend verstärken, der persönliche, egoistische Interessen über das Gemeinwohl stellt – heutzutage protestiert man gegen Bauvorhaben ja nicht mehr unbedingt, weil man sie beispielsweise für umweltschädlich hält, sondern einfach, weil man so etwas nicht neben der eigenen Haustür haben möchte. Diesen Egoismus würde man noch belohnen. Das halte ich auch demokratietheoretisch für problematisch.

ZEIT ONLINE: Gibt es einen besseren Weg?

Sommer: Es gibt Formen der Kompensation, die den Zusammenhalt der Menschen vor Ort fördern. Man bietet dann nicht Einzelnen Geld an, sondern den Kommunen – oder dem Stadtviertel oder dem Landkreis. Und dann sollen die Menschen selbst untereinander klären, was mit dem Geld geschehen soll. In der Endlagersuche wird man das voraussichtlich so machen. Auf diese Art stärkt man die demokratischen Prozesse.

Jörg Sommer © Tanea Sommer

ZEIT ONLINE: Und ruft vermutlich erst recht Konflikte hervor, wenn in großer Runde über die Verteilung diskutiert werden muss.

Sommer: Klar, wenn man die Bürgerinnen und Bürger mit dem Geld alleine lässt, besteht die Gefahr neuer Konflikte. Deshalb muss man Prozesse zur Entscheidungsfindung anbieten und die auch moderieren. Wenn man es richtig macht, können am Ende Beschlüsse gefasst werden, hinter denen eine Mehrheit auch wirklich steht.

ZEIT ONLINE: Das klingt ziemlich langwierig. Wie lange dauert es, auf diese Art ein Windrad aufzustellen?