Im Vergleich zu anderen EU-Ländern ist der Mindestlohn in Deutschland zuletzt nur gering gestiegen. Das geht aus dem Internationalen Mindestlohnreport hervor, den das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung veröffentlicht hat. Der Studie zufolge ist die Lohnuntergrenze bei den 21 EU-Mitgliedsstaaten, die eine solche haben, sowie Großbritannien zuletzt um sechs Prozent gestiegen. In Deutschland stieg sie zum Jahresbeginn von 9,19 auf 9,35 Euro – eine Steigerung von 1,7 Prozent. Inflationsbereinigt wurde der Mindestlohn in Deutschland sogar nur um 0,3 Prozent erhöht, bei einem EU-Durchschnitt von 4,4 Prozent. 

"Deutschland hat den Mindestlohn erst ziemlich spät und auf relativ niedrigem Niveau eingeführt", sagte Tarifexperte Thorsten Schulten, der an der Studie beteiligt war. "Das ist immer noch das Ergebnis dieser Entwicklung." Der deutsche Mindestlohn wurde Anfang 2015 eingeführt und lag zunächst bei 8,50 Euro. Alle zwei Jahre entscheidet die Mindestlohnkommission, der sowohl Arbeitnehmer- als auch Arbeitgebervertreter angehören, über eine Erhöhung. Dabei soll sie sich an der Entwicklung von Tariflöhnen orientieren. 2019 hat sich die Kommission dabei jedoch zurückgehalten: Im vergangenen Jahr stiegen die Tariflöhne dem WSI zufolge um drei Prozent, inflationsbereinigt immer noch um 1,6 Prozent.

Altersarmut kann erst ab 12,63 Euro verhindert werden

Betrachtet man nicht die jüngste Entwicklung, sondern die Höhe des Mindestlohns, steht Deutschland im EU-Vergleich auf dem sechsten Platz zusammen mit Großbritannien, was sich allerdings ändert, wenn die britische Lohnuntergrenze Anfang April auf umgerechnet 9,93 Euro steigt. Innerhalb der EU weisen die Mindestlöhne eine große Spannweite auf. So steht Bulgarien auf dem letzten Platz mit 1,87 Euro pro Stunde, angeführt wird die Tabelle von Luxemburg mit 12,38 Euro. Auf Luxemburg folgen Frankreich, die Niederlande, Irland und Belgien. Die unterschiedliche Kaufkraft ist dabei jedoch nicht berücksichtigt. Auch fehlen in der Tabelle die skandinavischen Länder, Österreich und Italien – in diesen Staaten gibt es keinen gesetzlichen Mindestlohn.

In Deutschland fordern Gewerkschaften sowie SPD und Linke eine Anhebung des Mindestlohns auf zwölf Euro pro Stunde. Nach Angaben der Bundesregierung müsste der Mindestlohn sogar bei 12,63 Euro liegen, wenn er bei 45 Beitragsjahren vor Altersarmut schützen soll. Eine Erhöhung auf zwölf Euro lehnt die Union aktuell ab. Bleibt es beim bisherigen Mechanismus der Mindestlohnkommission könnte der Mindestlohn 2021 auf 9,85 Euro steigen. Ein Wert von zwölf Euro pro Stunde wäre dann frühestens in zehn Jahren erreicht, die Inflation ist dabei nicht mit eingerechnet.