Man muss sich nur einmal vor Augen führen, wie heute ein einfaches T-Shirt hergestellt wird. Die Baumwolle kommt häufig aus den USA, in der Türkei werden daraus Stoffe, die in China eingefärbt und dann von Näherinnen in Bangladesch zu einem T-Shirt geschneidert werden. Die Tagesschau hatte neulich dieses Beispiel aufgebracht, und es ist sehr zutreffend. Treten nur an einem Punkt dieser globalen Lieferkette Störungen auf, gibt es am Ende kein fertiges Produkt.

Die Corona-Epidemie legt schmerzlich offen, wie empfindlich die weltweit vernetzte Wirtschaft ist. Bisher sind die größten Probleme in China aufgetreten, doch sie haben längst Auswirkungen auf deutsche, europäische und amerikanische Unternehmen. Vor allem in der Autobranche, der Chemie- und Pharmaindustrie fehlen Vorprodukte aus China, die hier zur weiteren Verarbeitung in den Fabriken benötigt werden. Fallen nur fünf Prozent der Produktion in Deutschland dadurch aus, kommt das Wachstum im ersten Quartal zum Stillstand, hat die Commerzbank berechnet.

Dabei stehen wir in Europa gerade erst am Anfang der Corona-Ausbreitung. In Italien deutet sich an, was vielleicht auch in Deutschland passieren könnte. Corona ist zwar weit weniger tödlich als andere Epidemien in der Vergangenheit. Der Virus kann aber wirtschaftliche Abläufe zum Erliegen bringen. Wenn, wie jetzt in Japan beschlossen, einen ganzen Monat lang alle Schulen schließen, können viele Eltern nicht zur Arbeit gehen, weil sie ihre Kinder betreuen müssen. Selbst wenn Tausende in Deutschland nur verhältnismäßig leicht erkranken, werden auch sie in dieser Zeit nicht arbeiten können.

Anleger sind stark verunsichert

In China sind im Moment nicht nur fehlende Fabrikarbeiterinnen ein Problem, sondern vor allem die Lkw-Fahrer, die nicht zur Arbeit kommen können, dürfen oder wollen. Über Wochen hat der Warenverkehr in großen Teilen des Landes stillgestanden, Container konnten nicht von den Häfen abtransportiert, zwischen Fabriken und Geschäften hin- und hergefahren werden.

Die chinesische Regierung versucht jetzt, die Menschen wieder an die Arbeit zu bringen. Sie lässt die Produktion in weniger betroffenen Gebieten hochfahren, auch wenn bei Weitem nicht die volle Kapazität erreicht wird. Dieser Schritt soll verhindern, dass die Wirtschaft des Landes völlig zusammenbricht und damit auch die Macht der Kommunistischen Partei in Gefahr gerät. Trotzdem ist vollkommen unklar, ob die Epidemie im Land allmählich unter Kontrolle ist. Das Risiko besteht, dass sich das Virus durch diese Maßnahmen wieder stärker verbreitet.

Die Entwicklungen in China und in den vergangenen Tagen auch in Europa haben die Anleger an den Finanzmärkten so sehr verunsichert, dass an den Börsen in kurzer Zeit so hohe Verluste aufliefen wie seit der Finanzkrise im Jahr 2008 nicht mehr. Mit der Wucht der damaligen Katastrophe ist die Krise jetzt noch nicht vergleichbar, aber die Corona-Epidemie birgt das Potenzial für eine Rezession, wie sie seit der globalen Finanzkrise nicht mehr aufgetreten ist. Vergleichbar ist nämlich durchaus, dass ein ökonomischer Schock, ausgelöst durch das Virus, ähnlich wie damals die Welt in Gänze treffen würde.

Ein absolutes Negativszenario

Nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 wurde vor allem klar, wie stark vernetzt und untereinander abhängig die Banken- und Finanzwelt war und heute immer noch ist. Jetzt in der Corona-Krise sehen wir, wie stark global verwoben die Produktion von Gütern, Logistik und Dienstleistung sind. Dass Wertschöpfungsketten anfällig auf längere Verzögerungen oder ganze Produktionsausfälle an nur einer Stelle sind.

Man kann nur hoffen, dass sich der Virus auf der Welt nicht so stark verbreitet wie in China. Zuvorderst natürlich, weil dann selbst bei niedriger Mortalität die Zahl der Toten in die Tausenden ginge. Daneben würde eine solche Pandemie die Wirtschaft weltweit in eine schwere Krise bringen, mit etlichen Unternehmenspleiten und den Verlust von Arbeitsplätzen. Auf Bundesebene und in der Europäischen Union werden bereits mögliche Gegenmaßnahmen diskutiert, wie zum Beispiel ein europäisch koordiniertes Konjunkturpaket.

Es ist ein absolutes Negativszenario, auf das sich die Welt jetzt einstellt. Und es wird noch etwas Zeit vergehen, bis wir wissen, ob dieses Szenario auch eintritt.