Die Idee klingt interessant: Sollten wir nicht in Zeiten der Klimakrise unseren Energiemix noch mal neu betrachten – und damit auch die Atomenergie? Schließlich funktionieren Kernkraftwerke weitgehend klimaneutral, denn anders als Kohlemeiler stoßen sie kein CO2 aus, wenn sie Strom produzieren. Also könnte Deutschland doch seine Reaktoren einfach weiterlaufen lassen, statt sie wie bisher geplant 2022 abzuschalten! So könnte die Bundesregierung die deutschen Klimaziele sehr viel leichter erfüllen.

So oder ähnlich denken heute wieder Teile der CDU, vor wenigen Tagen erst argumentierte die sogenannte Werteunion so. Auch der Linde-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle ist dieser Ansicht, ebenso VW-Chef Herbert Diess. Auch die beiden Wirtschaftsbosse sagen: Da die Zeit wirklich dränge, es also immer wichtiger werde, schnell den CO2-Ausstoß in Deutschland (und weltweit) zu senken, solle das Tabu fallen und die Atomkraft nicht auslaufen. Gern verweisen die Fans der Kernenergie dann auf den Rest der Welt. Dort erlebe, so die Behauptung, die Kernkraft immer neue Blüten. Und häufig heißt es dann noch: Atomkraft sei billig.

Haben sie etwa recht? Selbst wenn ihre Forderung nach einer Renaissance der Kernkraft politisch ziemlich unkorrekt ist?

Ein weltweiter Niedergang

Um die Frage zu klären, hilft hier, wie so oft, weniger Meinung und mehr ein klassischer Faktencheck: Tatsächlich macht Kernkraft nur noch rund zehn Prozent des globalen Strommixes aus und damit knapp 7,5 Prozentpunkte weniger als zur Hochzeit der Technologie im Jahr 1996. Von einer neuen Blüte kann also keine Rede sein. Laut dem Statusbericht zur weltweiten Atomenergie sind zudem 80 der 417 aktiven Reaktoren älter als 41 Jahre und haben somit das von Herstellern anvisierte Betriebsalter bereits überschritten. Weitere 192 AKW sind der Studie zufolge mindestens 31 Jahre alt. Sie alle werden in den kommenden Jahren abgestellt. Neu gebaut werden nur 46 Reaktoren, und 27 der Bauvorhaben dürften sich länger hinziehen als geplant. Unterm Strich geht damit in den kommenden Jahren mehr Atomenergie vom Netz als neue hinzukommt – auch in Ländern, deren Regierungen diese Energieform begrüßen.

Der Niedergang der Kernkraft findet weltweit statt. Besonders heftig ist er aber in den USA. Von den knapp 60 Atomkraftwerken dort sind viele alt und teuer im Betrieb. Und weil zugleich Strom aus Wind und Sonne immer günstiger werden und Erdgas billig bleibt, rechnet sich der Betrieb der Reaktoren immer seltener. Auch in China, dem Land, das derzeit noch die meisten neuen Kernkraftwerke plant, hat längst das Umdenken begonnen. Viele Projekte werden möglicherweise nie verwirklicht.

Der Grund ist einfach: Warum ein teures Atomkraftwerk bauen, dessen Müll die nächsten Generationen auf Jahrhunderte belasten wird – wenn es längst andere, viel billigere Energieformen gibt? Ein Windkraftwerk oder auch Solarpanels sind heute um ein Vielfaches billiger und sicherer. In einem Interview mit dem Tagesspiegel brachte das der grüne Politiker Jürgen Trittin gerade erst treffend auf den Punkt: "Warum soll ich in etwas investieren, was am Markt keine Chance hat, eine Energie von gestern?", fragte er rhetorisch. "Genauso könnten wir uns, statt auf Förderung von E-Mobilität zu setzen, auf die Rückkehr der Dampfmaschine vorbereiten."

Neben den Kosten der Atomkraftwerke und der Müllentsorgung spricht noch ein weiterer, entscheidender Punkt gegen sie: die Dauer des Baus. Es dauert sehr, sehr lange, neue Atomkraftwerke zu errichten. In Finnland ist ein Reaktor bis heute nicht fertig, dessen Bau 2005 startete und 2009 beendet sein sollte. Damit dauern die Bauarbeiten bereits länger als die des Berliner Flughafens. Der Klimawandel aber braucht schnelle Lösungen. Und genau die schaffen viele Länder inzwischen dadurch, dass sie die erneuerbaren Energien ausbauen – das tun übrigens auch die Länder, die noch Atomreaktoren haben: Schweden beispielsweise.

Bleibt noch die Frage, ob man in Deutschland nicht trotzdem einfach die bestehenden Atomkraftwerke länger laufen lassen sollte? Mit ja kann man sie allerdings nur beantworten, wenn man völlig unpolitisch und ahistorisch denkt. Denn man müsste dann außer Acht lassen, dass der Atomausstieg in Deutschland eine jahrzehntelange politische Auseinandersetzung befriedet hat, von der großen Mehrheit der Deutschen befürwortet wird, und dass nicht einmal die Energieindustrie ihn zurückdrehen will. Ganz einfach, weil sie heute lieber in Erneuerbare oder in Gas investiert.

Es würde nicht viel nutzen

Doch selbst wenn man für einen Moment ahistorisch denkt und deswegen weiter mit der Idee spielt, die Kernkraftwerke länger laufen zu lassen – schließlich macht die Klimakrise auch ungewöhnliche Gedankenspiele nötig – muss man am Ende zu der Erkenntnis kommen: Nein, es wäre nicht gut. Denn es würde nicht viel nutzen.

Der Grund ist einfach: Im Moment hat Deutschland nicht zu wenig, sondern zu viel Strom. Liefen die Atomkraftwerke jetzt weiter, gäbe es noch weniger Anreize, die erneuerbaren Energien weiter auszubauen. Doch gerade die brauchen wir in Zukunft viel mehr als heute, und sie wachsen schon jetzt viel zu langsam. Gäbe es längere Laufzeiten für Atomkraftwerke, würde der Ausbau der – günstigen – Erneuerbaren noch weiter verschleppt, und wir stünden am Ende des Jahrzehnts mit einer erheblichen Stromlücke da. Mal ganz abgesehen davon, dass das noch mehr teuer zu entsorgenden Atommüll produzieren würde, den auch kein CDU-Ministerpräsident in seinem Bundesland endlagern möchte.  

Mehr Atomstrom zur Lösung der Klimakrise? Es klingt verführerisch. Aber dafür sein kann man nur, wenn man sich einfach mal ein bisschen dumm stellt: ökologisch, ökonomisch und politisch.