Zuerst die gute Nachricht: Gemessen an den Stundenlöhnen der Beschäftigten hat die Ungleichheit in Deutschland seit 2013 deutlich abgenommen. Der Grund ist, dass gerade die niedrigen Löhne seither stärker gestiegen sind als andere. Mit dieser Entwicklung kann man die Hoffnung verbinden, dass nun mehr Menschen in der Lage sind, für ihren Lebensunterhalt selbst aufzukommen.

Doch der individuelle Stundenlohn ist nicht das zentrale Maß, das über die Möglichkeiten von Menschen entscheidet, ihre materiellen Bedürfnisse zu befriedigen. Wichtiger ist hier das verfügbare Einkommen, und zwar auf Haushaltsebene. In dieser Größe fließen die Einkommen zusammen, die für den Konsum zur Verfügung stehen, nachdem Steuern und Sozialabgaben abgezogen sind und staatliche Transferleistungen hinzugezählt wurden – und hier nimmt die Ungleichheit bislang weiter zu.

Es ist wichtig, diesen vermeintlichen Widerspruch aufzulösen. Dann lässt sich besser verstehen, wie Staat und Gesellschaft mehr Menschen die Chance eröffnen könnten, durch Arbeit und Teilhabe ihren Lebensstandard zu sichern und zu verbessern.

Niedrige Löhne stark gestiegen

Was steckt hinter der Statistik? Eine neue Studie des DIW Berlin zeigt eine bemerkenswert positive Entwicklung der vereinbarten Bruttostundenlöhne für die unteren 20 Prozent, also diejenigen, die im in Deutschland vergleichsweise großen Niedriglohnbereich tätig sind. Für die unteren 10 Prozent sind die Reallöhne zwischen 2013 und 2018 sogar um rund ein Fünftel gestiegen. Das ist stärker als für andere Lohngruppen. Deshalb ist die Lohnungleichheit seit 2013 rückläufig und befindet sich inzwischen wieder auf dem Niveau, das Anfang der 2000er-Jahre herrschte. Ein wichtiger Grund für diese positive Entwicklung war die Einführung des Mindestlohns 2015, von dem – laut Lohnverteilung 2014 – rund 4,5 Millionen Beschäftigte direkt profitieren sollten.

Wie passt es aber nun zusammen, dass die Ungleichheit bei der Verteilung der individuellen Bruttostundenlöhne rückläufig ist und parallel dazu die Ungleichheit bei der Verteilung der bedarfsangepassten verfügbaren Haushaltseinkommen zunimmt? Und welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen?

Höhere Stundenlöhne erhöhen nicht immer das Einkommen

Eine wichtige Erklärung ist ganz schlicht: Wenn der Stundenlohn steigt, erhöht sich das verfügbare monatliche Einkommen nicht zwingend im gleichen Ausmaß. Das kann beispielsweise der Fall sein, wenn – was häufig vorkommt – die Beschäftigten zwar einen höheren Stundenlohn beziehen als früher, zugleich aber ihre Arbeitszeit gesunken ist. Das betrifft vor allem Minijobs, bei denen die 450-Euro-Grenze nicht überschritten werden darf. Hinzu kommt, dass viele Menschen mit niedrigen Löhnen Transferleistungen wie beispielsweise Wohngeld erhalten. Erhalten sie höhere Einkünfte aus ihrer Arbeit, werden in der Regel die staatlichen Transferzahlungen gekürzt.

Eine weitere wichtige Erklärung ist, dass diejenigen Personen mit den geringsten Stundenlöhnen nicht notwendigerweise diejenigen sind, die auch in den Haushalten mit den niedrigsten bedarfsangepassten verfügbaren Einkommen leben. Ein Teil dieser Haushalte besteht ausschließlich aus Rentnerinnen und Rentnern, Erwerbslosen oder nicht erwerbstätigen Studierenden. Sie haben nichts davon, wenn sich die Stundenlöhne erhöhen. Ihre Einkünfte – Alterseinkommen, Hartz IV und andere öffentliche Transferleistungen – sind in den vergangenen Jahren nur relativ schwach gestiegen.