Für kurze Zeit katapultierte Wintersturm Sabine Deutschland in die Zukunft. Angetrieben von den Orkanböen lieferten die deutschen Windmühlen vergangene Woche zeitweise fast 44 Gigawatt klimafreundlichen Strom ins Netz – und deckten damit zwei Drittel des deutschen Strombedarfs. "Einspeiserekord!", jubelte der Bundesverband Windenergie. Zusammen mit den anderen Erneuerbaren kamen sie damit sogar auf weit mehr als jene 65 Prozent, die die Energiewende erst für 2030 vorsieht.

Andererseits hatte das zukunftsweisende Windstromhoch aber unschöne Begleiterscheinungen. Denn das Netz war das aus der Gegenwart – also zu klein. Weil während des Sturms mehr Windstrom produziert wurde, als die Leitungen aufnehmen konnten, rollten bei den Netzbetreibern routinemäßig Notfallmaßnahmen an: Sie stellten Windanlagen einfach ab. Einspeisemanagment nennt man das. 

Nach Recherchen von ZEIT ONLINE regelten die Übertragungsnetzbetreiber allein in den beiden am stärksten betroffenen Gebieten während des Sturms Sabine 210 Gigawattstunden (GWh) Windstrom ab. Im Netz von Tennet im Nordwesten blieb mit 160 GWh die größte Menge Windstrom zwangsweise unproduziert, bei Netzbetreiber 50Hertz im Nordosten waren es 50 GWh. Keine Spitzenwerte, betonen die Netzbetreiber. Aber alles andere als Peanuts: Mit den 210 GWh unproduzierten Windstroms könnten 60.000 Haushalte, eine ganze Stadt, ein Jahr lang ihren kompletten Bedarf decken. 

Wenig nachvollziehbare Entschädigungen

Gleichzeitig wiesen die Netzunternehmen einzelne Kohle- und Gaskraftwerke an, ihre Produktion zwangsweise zu drosseln, um Platz für den überschießenden Ökostrom zu machen. Dafür mussten an anderer Stelle konventionelle Kraftwerke einspringen, im Jargon Redispatch genannt. An den Strombörsen ließ das Überangebot den Preis fallen. Er sackte an 18 Stunden sogar ins Minus. Das heißt, der Erzeuger musste den Käufer dafür bezahlen, dass er die Strommengen abnimmt und Speicher zur Verfügung stellt. Abnehmer fanden sich schließlich in Österreich und Frankreich.

Im Ergebnis blieb das System angesichts der Windkraftrekorde durch Sabine also stabil. Nur: Zu welchem Preis geschah das? Für jede nicht produzierte Kilowattstunde Strom erhalten Windanlagenbetreiber eine Entschädigung. Das Gleiche gilt für andere Ökoenergien. Sie werden in Deutschland über das Erneuerbare-Energien-Gesetz finanziell gefördert. Weil nicht sie für die ungenügenden Leitungen verantwortlich sind, wird ihre entgangene Produktion von der Allgemeinheit ausgeglichen – als Aufschlag auf den Strompreis vom Verbraucher. Auch die Gas- und Kohlekraftwerke, deren Betrieb bei kritischen Situationen gedrosselt wird, bekommen dafür Kompensation.

Doch die Entschädigungszahlungen haben ein extremes Niveau erreicht. 2017 zahlten Verbraucher über ihre Stromrechnung dafür 1,51 Milliarden Euro, 2018 waren es 1,44 Milliarden Euro. Wie aus dem jüngsten Bericht der Bundesnetzagentur hervorgeht, belaufen sich die Ausgaben allein für die ersten drei Quartale 2019 bereits auf 0,95 Milliarden Euro, das vierte Quartal steht noch aus. Immerhin scheinen die Kosten nicht anzusteigen.

Die hohen Zahlungen sind reichlich Stoff für Klimaschutzgegner. Sie sehen in dem teuren Geisterstrom einen Beleg für den "Irrsinn der Energiewende". Und selbst für Förderer der Energiewende sind Zahlungen von mehr als einer Milliarde Euro für nichts jedes Jahr aufs Neue kaum verständlich. Dreh-  und Angelpunkt der Problematik ist der schleppende Netzausbau in Deutschland. Mehr als 7.000 Kilometer neue Höchstspannungsleitungen sind für die Energiewende nötig, nur 1.800 Kilometer davon sind genehmigt, erst 1.100 Kilometer gebaut. Verantwortlich dafür sind wiederum Proteste und Klagen gegen Betreiber und geplante Leitungsprojekte.