Wie kann eine Landwirtschaft funktionieren, die Tiere besser behandelt? Die gute Nahrungsmittel erzeugt, den Bäuerinnen und Bauern eine stabile wirtschaftliche Existenz ermöglicht, das Wohl der Tiere im Blick behält und dabei die Umwelt schützt?

Seit vergangenem Sommer berät darüber unter der Leitung des ehemaligen Bundesagrarministers Jochen Borchert das Kompetenznetzwerk für Nutztierhaltung, das sich auf Einladung von Ministerin Julia Klöckner zusammengefunden hat. Seine Mitglieder kommen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Verbänden, zu ihnen gehört der Agrarökonom Harald Grethe, der außerdem dem wissenschaftlichen Beirat "Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlicher Verbraucherschutz" des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft vorsitzt. An diesem Dienstag legt das Kompetenznetzwerk für Nutztierhaltung der Ministerin seine Empfehlungen vor. Über sie spricht Grethe im Interview.

ZEIT ONLINE: Herr Grethe, das Kompetenznetzwerk plädiert für eine Abgabe, die in Zukunft auf Fleisch, Milch und Eier erhoben werden soll – eine Art Steuer auf tierische Produkte. Wie soll die funktionieren?

Harald Grethe: Wir stehen in der Nutztierhaltung vor einer enormen Transformationsherausforderung: Wir müssen das Tierwohlniveau deutlich anheben und trotzdem in offenen Märkten wettbewerbsfähig bleiben. Die Abgabe soll vor allem dazu dienen, die notwendige Erhöhung des Tierwohls in der gesamten deutschen Nutztierhaltung zu finanzieren. Außerdem hätte sie auch eine Lenkungswirkung: Wenn wir tierische Produkte etwas teurer machen, wird etwas weniger davon konsumiert. Das ist aus Klimaschutzgründen wichtig und wird deshalb von vielen wissenschaftlichen Gremien schon lange vorgeschlagen.

Erhoben würde die Abgabe dort, wo die Endverbraucher für Fleisch, Milch und Eier bezahlen, also im Supermarkt, in Gaststätten oder Kantinen. Es wäre eine Abgabe auf alle tierischen Produkte, unabhängig davon, ob diese in Deutschland oder im Ausland produziert worden sind. Würden wir die Abgabe nur auf deutsche Waren erheben, würden die Konsumenten verstärkt ausländische Lebensmittel kaufen und die Produktion würde sich ins Ausland verlagern. Davon hätten die Tiere nichts.

ZEIT ONLINE: Was heißt das konkret, verbessertes Tierwohl?

Grethe: Die Tiere hätten im Stall mehr Platz und dadurch mehr Bewegungsfreiheit. Sie hätten auch mehr Abwechslung, beispielsweise durch unterschiedliche Bodenbeläge und Beschäftigungsmaterialien. Im Schweinestall gäbe es dann beispielsweise mit Liegematten ausgelegte Bereiche oder Stroh – im Stroh wühlen Schweine gern. Wichtig ist auch die Schaffung von unterschiedlichen Klimazonen, etwa durch die Öffnung des Stalls nach außen, damit die Tiere frische Luft oder sogar Auslauf bekommen. All das kostet natürlich Geld …

ZEIT ONLINE: Und es wäre vermutlich arbeitsintensiver für die Landwirte.

Grethe: Sie bräuchten mehr Zeit, um ihre Tiere zu beobachten. Ein Beispiel: Wenn man darauf verzichten möchte, die Ringelschwänze von Mastschweinen zu kupieren, dann muss man ständig im Blick haben, wie es den Tieren geht. Sobald sie anfangen, einander anzufressen, muss man sie schnell voneinander isolieren. Mehr Zeit bräuchten die Landwirte auch, um beispielsweise Stroh und andere Materialien in die Ställe zu bringen und regelmäßig auszuwechseln.

ZEIT ONLINE: Kann das in den großen Ställen, die derzeit üblich sind, überhaupt funktionieren?

Grethe: Es wird ja oft von Massentierhaltung gesprochen, aber ich halte das für einen politischen Kampfbegriff. Man kann sehr viele Tiere sehr gut halten – oder sehr schlecht. Und man kann wenige Tiere gut halten oder eben in schlechten Ställen. Es geht nicht um die Zahl der Tiere pro Stall, sondern um die Haltungsbedingungen.

ZEIT ONLINE: Was würde ein Umbau der Tierhaltung, wie er von den Experten vorgeschlagen wird, kosten?

Grethe: Im Jahr 2020 wären es etwa 1,2 Milliarden Euro und im Jahr 2040 dann etwa 3,6 Milliarden. So hoch wäre danach auch der dauerhafte jährliche Förderbedarf. Das entspricht je nach Tierart bis zu einem Drittel der gegenwärtigen Kosten der Nutztierhaltung – aber nur etwa 0,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

ZEIT ONLINE: Und der Mehraufwand würde aus der Tierwohlabgabe finanziert?

Grethe: Genau. Mit diesen Mitteln würden zunächst Landwirte gefördert, die ihre Ställe freiwillig umbauen. Dann würde auch der gesetzliche Mindeststandard schrittweise angehoben. Bis zum Jahr 2030 würde die Stufe eins des Tierwohlniveaus für alle Betriebe Pflicht …

ZEIT ONLINE: Stufe eins?

Grethe: Wir unterscheiden drei Stufen. Stufe eins lässt sich ohne große Umbauten schon in heutigen Ställen erreichen, etwa indem man weniger Tiere auf dem gleichen Raum hält und mehr Abwechslung in der Einrichtung schafft. Darauf folgt Stufe zwei, mit noch mehr Platz und Abwechslung für die Tiere und möglichst Kontakt zum Außenklima. Stufe zwei wäre bis zum Jahr 2040 verpflichtend. Um sie zu erreichen, müssten Landwirte ihre Ställe erheblich um- oder neu bauen. Für das Tierwohllabel der Stufe drei müssten die Betriebe ihren Tieren noch mehr Platz und dazu Auslauf oder Weidehaltung bieten. Die Stufe drei wäre den Standards des ökologischen Landbaus sehr ähnlich.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, tierische Produkte würden durch die Abgabe für alle Konsumenten teurer. Menschen mit wenig Einkommen können sich dann nur noch vergleichsweise wenig Fleisch, Eier oder Milch leisten. Ist das gerecht?

Grethe: Wir müssen berücksichtigen, dass es hier um geringe Preiserhöhungen zwischen zwei und zehn Prozent geht. Aber es stimmt: Einkommensschwache Haushalte geben einen relativ großen Teil ihres Budgets für Nahrungsmittel aus. Aber das kann und muss man sozialpolitisch lösen, beispielsweise durch höhere Hartz-IV-Sätze, eine niedrigere Einkommenssteuer für Niedriglöhner oder durch eine pauschale Nachhaltigkeitsprämie, die man an Menschen mit geringem Einkommen zahlt. So können wir den Tierschutz sozialverträglich finanzieren.