Es gibt Augenblicke, in denen sich diese Krise nach ökonomischem Weltuntergang anfühlt. Das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel sagt in seiner neuen Konjunkturprognose voraus, dass die deutsche Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um knapp neun Prozent einbrechen könnte. Das entspräche einem Verlust an Wertschöpfung in Höhe von mehr als 300 Milliarden Euro und wäre der mit Abstand schwerste Wirtschaftseinbruch seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. In einigen Branchen ­­ – Gastgewerbe, Luftfahrt, Sport und Freizeit – könnte die Auslastung der Kapazitäten demnach um bis zu 90 Prozent zurückgehen.  

Ein solches Szenario ist durchaus denkbar. Die viertgrößte Wirtschaftsnation der Welt ist mit der Coronavirus-Krise praktisch zum Stillstand gekommen. Die Flughäfen sind leer, in den großen Automobilwerken ruht die Produktion, in den Städten und Gemeinden bangen Kinobetreiber, Gastwirte, Ladeninhaber um ihre wirtschaftliche Existenz.

Wie ernst ist die Lage?

Die Kieler Forscher gehen davon aus, dass die Konjunkturerholung schlimmstenfalls erst im August einsetzt. Und selbst dann dürfte es noch einige Monate dauern, bis die Produktion wieder das Niveau von vor dem Ausbruch der Epidemie erreicht hat. Es käme also zu einem "halbjährlichen Lockdown weiter Teile des Wirtschaftslebens", sagt IfW-Chef Stefan Kooths. So weit, so schlecht. Interessant ist die Prognose fürs kommende Jahr. Da könnte das Bruttoinlandsprodukt nämlich laut dem Institut um 10,9 Prozent zulegen. 

Nun kann man lange darüber streiten, wie realistisch die Annahmen sind. Vielleicht dauert es noch länger, bis die Einschränkungen des öffentlichen Lebens aufgehoben werden. Vielleicht kommt das Exportgeschäft zum Erliegen, weil andere Länder die Krise nicht in den Griff bekommen. Dann könnten die wirtschaftlichen Folgen noch dramatischer sein.

Aber das Grundmuster des Konjunkturverlaufs ist nach wie vor nicht unplausibel: ein scharfer Einbruch, gefolgt von einer vergleichsweise kräftigen Erholung. Dieses Muster gilt allerdings nur, wenn sich der Absturz nicht verselbstständigt, etwa weil steigende Arbeitslosigkeit die Nachfrage bremsen könnte und dann noch mehr Stellen wegfielen.

Einzelhandel - Corona-Krise gefährdet Existenz von Unternehmen Wirtschaftsminister Peter Altmaier sieht weitreichende Entscheidungen für notwendig. Die Existenz der Unternehmen und ihre Wettbewerbsfähigkeit müssten gesichert werden. © Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Deshalb ist es so wichtig, dass die Bundesregierung alles – wirklich alles – in ihrer Macht Stehende tut, um zu verhindern, dass jetzt Arbeitsplätze gestrichen werden und Unternehmen unverschuldet in die Insolvenz gehen. Finanzminister Olaf Scholz und Wirtschaftsminister Peter Altmaier haben die ersten Hilfsprogramme auf den Weg gebracht: Unterstützungsleistungen für Selbstständige, Liquiditätsgarantien für Betriebe, Steuerstundungen, großzügigere Regelungen für den Bezug des Kurzarbeitergelds.

Das ist ein richtiger Schritt, dem aber womöglich weitere folgen müssen. Denn es ist damit zu rechnen, dass Unternehmen aus Angst vor einer Überschuldung die Kredite nicht in Anspruch nehmen. Es könnte also sein, dass ein noch größerer Teil der Hilfen in Form von Transferzahlungen erfolgen muss. Warum beispielsweise nicht Darlehen vergeben, die nur dann zurückbezahlt werden müssen, wenn das Geschäft wieder gut läuft? Andernfalls verzichtet der Staat darauf, sie einzutreiben.

Auch die europäische Dimension ist bislang unterentwickelt. In diesem Zusammenhang hat Markus Brunnermeier von der Universität Princeton einen Weg aufgezeigt. Er schlägt vor, dass die Europäische Investitionsbank (EIB) Darlehen an alle europäischen Unternehmen vergibt, sodass diese jede Zahlung bedienen können, die in den kommenden Monaten fällig wird. Das nötige Geld könnte sich die EIB besorgen, indem sie Anleihen an die Europäische Zentralbank verkauft.

Zugegeben: Das sind alles radikale Maßnahmen, die in normalen Zeiten nicht denkbar wären. Es fallen schließlich ständig irgendwo Arbeitsplätze weg, dafür entstehen an anderer Stelle neue. Der Staat hält sich da normalerweise besser zurück.

Die Zeiten sind aber nicht normal. Die Corona-Krise ist ein einmaliges Ereignis, das die Wirtschaft aus der Bahn zu werfen droht. Es kommt deshalb darauf an, den Arbeitgebern und den Arbeitnehmern eine Art temporären Blankoscheck auszustellen. Im Idealfall sollte in den kommenden Wochen kein einziger Arbeitsplatz der Krise zum Opfer fallen. Notfalls sollten die Finanzämter den Betrieben die dafür benötigten Mittel überweisen.  

Keine Frage, das wird teuer. Aber vielleicht lässt sich so sicherstellen, dass das Virus zumindest wirtschaftlich keine Dauerschäden hinterlässt. Und wie sich der Staat das Geld wieder zurückholt, klären wir, wenn das Schlimmste vorbei ist.