Überall auf der Welt wird die Wirtschaft heruntergefahren, das öffentliche Leben quasi stillgelegt, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen. Die wirtschaftlichen Folgen sind jetzt schon enorm. Aber wie groß wird die Krise letztlich? Nach Ansicht von Ashoka Mody könnte es schlimmer kommen als in der Finanzkrise 2008. Mody ist Wirtschaftsprofessor an der Princeton-Universität in den USA und war lange Jahre beim Internationalen Währungsfonds (IWF) in der Europaabteilung tätig.

ZEIT ONLINE: Herr Mody, die Corona-Krise hat die Weltwirtschaft hart getroffen. Wie schlimm wird es?

Ashoka Mody: Eine schwere Rezession ist nahezu sicher, ob es Historiker im Nachhinein auch eine Depression nennen werden, ist schwer vorherzusagen. Aber wir sind in diesen Regionen.

ZEIT ONLINE: Einige Experten vergleichen die derzeitige Situation mit der Finanzkrise von 2008. Wird es so schlimm?

Mody: Es wird mit großer Wahrscheinlichkeit noch schlimmer als 2008. Um Vergleichbares in der Geschichte zu finden, müssen wir bis zu den 1930er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts zurückgehen – der großen Depression.

ZEIT ONLINE: 2008 stand das weltweite Finanzsystem vor dem Kollaps, allein die deutsche Wirtschaft brach in einem Jahr um mehr als fünf Prozent ein. Warum wird es diesmal noch schwieriger?

Mody: 2008 waren einige Dinge anders. Beispielsweise waren nicht so viele Volkswirtschaften von der Krise betroffen – China nicht und auch ein großer Teil der Schwellenländer nicht. In den USA gab es eine Finanzkrise, aber – rückblickend betrachtet – keine gleichsam schwere Wirtschaftskrise. Das ist auch der größte Unterschied. Damals war es eine Finanzkrise, heute ist es eine Wirtschaftskrise, die zu einer Finanzkrise wird.

 ZEIT ONLINE: Was heißt das?

Mody: In der Finanzkrise gingen Banken pleite, Privatpersonen verloren ihre Häuser. Jetzt wird die Wirtschaft massiv heruntergefahren. Wir fordern die Menschen auf, das öffentliche Leben quasi einzustellen. Wir halten weltweit die Produktion an, um die Corona-Ausbreitung zu stoppen. Das hat extreme Folgen für die Weltwirtschaft. Die ersten Zahlen aus China sind beängstigend.

ZEIT ONLINE: Aber so schnell es nach unten geht, so schnell könnte sich auch alles wieder erholen, wenn die Ausbreitung des Virus gestoppt wird. Ökonomen sprechen von einem V-förmigen Verlauf der Krise. Wie wahrscheinlich ist das?

Mody: Das ist natürlich möglich. Zum jetzigen Zeitpunkt kann man das aber noch nicht sagen. Ich bin, wie Sie sicherlich auch, noch dabei, die aktuelle Situation zu erfassen und zu verstehen.

ZEIT ONLINE: Wir betreten mit dieser Krise Neuland?

Mody: Ja, genau. Wie gesagt: Die ersten Zahlen aus China für Januar und Februar waren schrecklich.

ZEIT ONLINE: In China beginnen einige Firmen angeblich wieder damit, ihre Arbeiter zurückzuholen.

Mody: Ja, das habe ich auch gehört. Bislang hat sich dies aber noch nicht in den Märkten niedergeschlagen. Normalerweise, wenn die Produktion einer so großen Volkswirtschaft wieder anzieht, sieht man das – beispielsweise steigen die Preise für Rohstoffe wie Kupfer oder Eisen wieder. Im Fall Chinas würde auch der australische Dollar abwerten. Beides passiert aber noch nicht.

ZEIT ONLINE: Eine schnelle Erholung ist damit unwahrscheinlich?

Mody: China ist seit Anfang des Jahrtausends so etwas wie die Lokomotive der Weltwirtschaft. In der Finanzkrise war das Land kaum betroffen. Die Regierung hat damals aber mit ihren Konjunkturpaketen nicht nur die eigene Wirtschaft, sondern den gesamten Welthandel wiederbelebt.

Heute ist China das Epizentrum der Krise. Die entscheidende Frage ist deshalb: Wann wird der Welthandel, angeführt von China, wieder zunehmen? In der Finanzkrise war der Einbruch nur kurz. Mitte 2009 ging es bereits wieder aufwärts. Es ist offen, wie lange es diesmal dauern wird. Kann China erneut so viel Geld in die Wirtschaft pumpen? Die chinesische Wirtschaft hat viele eigene Probleme, die es damals so nicht gegeben hat: die extrem hohen Immobilienpreise und die zu lockere Kreditvergabe durch viele Banken.