José Vicente muss gegen den Motorenlärm seines Traktors anbrüllen. Es ist Samstagvormittag, der Landwirt aus Orihuela in der Provinz Alicante tuckert durch seine Zitrusfrucht-Plantage. Eigentlich, erzählt er am Telefon, sollten seine 15 Erntehelfer jetzt Zitronen der Sorte Verna von den Bäumen pflücken. Doch außer ihm sei niemand zu sehen, seine 130 Hektar große Finca sei menschenleer. Die Guardia Civil habe seine Mitarbeiter am frühen Morgen nicht durchgelassen und mit einem knappen "Heute wird nicht gearbeitet" nach Hause geschickt. Die weltweite Corona-Krise ist längst auch bei Spaniens Landwirten angekommen.

Mit 33.089 Infizierten und 2.182 Todesfällen ist das Land der zweitgrößte Krisenherd der EU, die Fallzahlen steigen schneller als in Italien. Um die Epidemie einzudämmen, hat Spanien vor mehr als einer Woche eine strikte Ausgangssperre verhängt. Wer zur Arbeit muss, ist davon eigentlich ausgenommen. Doch wie überprüft man das im Einzelfall? "Jeder diensthabende Polizist legt die Vorschriften nach seinem Gutdünken aus", sagt Vicente aufgebracht. "Wenn sich solche Situationen wiederholen, haben wir ein Problem." Er beliefert mit seinen Bio-Früchten deutsche Supermarktketten wie Lidl und Aldi. Deren Nachfrage ist in den vergangenen Tagen rasant gestiegen. Können Vicentes Erntehelfer nicht zur Arbeit kommen, bleiben irgendwann die Regale leer. 

Südspanien gilt als Europas Obst- und Gemüsegarten. Fast alle Zitrusfrüchte, Erdbeeren und ein Großteil der Tomaten, Paprika und Gurken, die derzeit über die deutschen Ladentheken gehen, stammen aus den Regionen Alicante und Huelva. Allein im vergangenen Jahr hat das Land 13,5 Millionen Tonnen Obst und Gemüse exportiert, überwiegend nach Deutschland. Geerntet und gepflückt wurden sie von Heerscharen von Saisonarbeitern, deren Lohn oft unter dem gesetzlichen Minimum liegt. Es ist eine Branche, in der vieles auf Zuruf geschieht, vieles informell geregelt wird und der Preisdruck enorm ist. In Krisenzeiten wird das zum Problem.

Im Zweifelsfall entscheidet der kontrollierende Polizist

Das zeigt sich zum Beispiel am Transport. Viele Erntehelfer haben keinen Führerschein oder keinen eigenen Pkw, Busse verkehren auf dem Land nur unregelmäßig und oft kilometerweit von Feldern, Gewächshäusern oder Lagerhallen entfernt. Um zur Arbeit zu kommen, teilen sich normalerweise mehrere Erntehelfer ein Auto. Manchmal sammelt auch der Landwirt mit dem Kleintransporter die Angestellten ein. Doch seit in Spanien der Alarmzustand verhängt wurde, darf nur maximal eine Person in einem Kleinwagen sitzen, Verstöße werden mit Strafen zwischen 300 und 1.000 Euro geahndet. Ausnahmen gelten nur für Menschen mit eingeschränkter Mobilität, für Familienangehörige oder in "begründeten Ausnahmen". Ob die Begründung stichhaltig ist, entscheidet im Zweifelsfall der kontrollierende Polizist. José Vicente hat nach den Erfahrungen mit der Polizeisperre beschlossen, die Erntearbeiten für ein paar Tage einzustellen. Da ein Gros der Bestellung bereits in Kisten bei seiner Kooperative sei, könne er sich das dieses eine Mal leisten.  

Der Agrarverband Coexphal, ein Zusammenschluss von 83 Obst- und Gemüseproduzenten aus Almería, kennt die Klagen über die neuen Auflagen. Die Vorschriften seien ein ernstes Problem, sagt Geschäftsführer Luis Miguel Fernández Sierra. Er beantwortet die Fragen per E-Mail, aus seinem regulären Büro und scheut sich nicht vor dramatischen Worten: "Es gibt einen beunruhigenden Anstieg von Fehlzeiten", schreibt er. "Die Situation wird mit jeder Stunde und jedem Tag schlimmer." Gerüchte über eine totale Ausgangssperre und Geschichten von Polizeikontrollen machten die Runde. Das hätten viele genutzt, um erst gar nicht am Arbeitsplatz zu erscheinen. Um die Ernte nicht in Gefahr zu bringen, solle die Regierung gestatten, dass Pkw bei Fahrten zum Arbeitsplatz zumindest die Hälfte der zugelassenen Passagiere transportieren, natürlich "unter Beachtung der Vorbeuge- und Sicherheitsmaßnahmen".