Barbara Thiessen ist ist Geschlechterforscherin an der Hochschule Landshut und leitet dort das Institut Sozialer Wandel und Kohäsionsforschung.
ZEIT ONLINE: Die Landesregierungen haben Listen mit systemrelevanten Berufen erstellt, dazu zählen unter anderem Erzieherinnen und Erzieher, aber auch Pflegekräfte in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. Wie kann es sein, dass man so wenig Geld bekommt, wenn die Arbeit doch offenbar unverzichtbar ist? Auch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) fordert ja Lohnerhöhungen für diese Berufsgruppen, die in der Corona-Krise besondere Leistungsträger seien.
Barbara Thiessen: Viele dieser Berufe haben einen extrem hohem Frauenanteil, und es ist nichts Neues, dass Frauen in diesem Beruf vor allem rhetorische Anerkennung bekommen, wie dieser Tage beim abendlichen Klatschen für die Gesundheitsfachkräfte, die Corona-Erkrankte versorgen, zu hören ist. Hinter dem Klatschen steht meines Erachtens vor allem die Angst, die Fachkräfte könnten angesichts der Herausforderungen und schlechten Bedingungen zusammenbrechen. Tatsächlich wird heute immer noch davon ausgegangen, dass Fürsorglichkeit im weiblichen Geschlechtscharakter liegt und sieht darin nicht eine Qualifikation, die ausgebildet und bezahlt werden muss. Fürsorge gilt als Jede-Frau-Tätigkeit. Berufe, die nah an der Hausarbeit sind, werden bis heute mythologisiert und gleichzeitig entwertet.
ZEIT ONLINE: Woran machen Sie das fest?
Thiessen: Fertigungsberufe werden grundsätzlich besser tarifiert als Pflegeberufe. Das heißt, die Verantwortung für Maschinen wird höher eingestuft als die für Menschen. Um Tarife festzulegen, wird jeder Arbeitsplatz genau angesehen: Was tut die Person? Was muss sie können? Welche Verantwortung hat sie? Die Aushandlung der Löhne obliegt den Tarifparteien. In den sogenannten produktiven Berufen, also Handwerk, Landwirtschaft, industrienahen Tätigkeiten, werden einzelne Handgriffe viel genauer erfasst. Im Pflegebereich dagegen werden zwar Handreichungen beschrieben, aber zum Beispiel die Gespräche, die eine Pflegerin während des Waschens oder Anziehens mit einem Patienten oder einer Patientin führt, werden gar nicht aufgelistet. Die sollen qua Geschlechtscharakter einfach mitgeliefert werden. Solche Fähigkeiten müssen nach der Logik auch nicht eigens ausgebildet werden und sie werden nicht zu Geld. Die Verantwortung für Menschen wird weder im Pflege- noch im Erziehungsbereich angemessen abgebildet. In den Tarifverhandlungen sind Frauen in der Minderzahl, vor allem auf Arbeitgeberseite.
ZEIT ONLINE: Warum wurde diese Benachteiligung bis heute nicht beseitigt?
Thiessen: Man sieht in der Aufwertung der Pflegeberufe nichts als einen Kostenfaktor. Diese Berufe werden den "unproduktiven" Dienstleistungen zugerechnet, im Gegensatz zu den "produktiven", als hätten sie keine monetäre Bedeutung für die Gesellschaft, als wären sie nicht essenziell für das Wohlbefinden Einzelner und für den sozialen Zusammenhalt. Dabei arbeitet inzwischen ein Fünftel der Bevölkerung in den sogenannten SAHGE-Berufen.
ZEIT ONLINE: SAHGE-Berufe?
Thiessen: Ja, – das ist ein Akronym für Soziale Arbeit, haushaltsnahe Dienstleistungen, Gesundheits- und Erziehungsberufe. Dieser Begriff wurde geprägt, um den MINT-Berufen etwas entgegenzusetzen und zum Ausdruck zu bringen: Da gibt es übrigens noch was anderes, das gesellschaftlich wichtig ist. Wir werden wegen Digitalisierung und Auslagerung von Arbeitsplätzen in Billiglohnländer wohl dahin kommen, dass bald auch nur noch ein Fünftel der Bevölkerung in den industriellen Fertigungsberufen arbeitet. Trotzdem tun wir so, als hinge das Wohl und Weh dieser Republik etwa von der Autoindustrie und ihren Zulieferern ab. Mit der Corona-Pandemie sehen wir einmal mehr, dass die Bedeutung der Care-Berufe gnadenlos unterschätzt wurde. Und die Leidensfähigkeit der Beschäftigten dort überschätzt wurde. Erzieherinnen, Kranken- und Altenpflegerinnen gehen überdurchschnittlich oft in den vorgezogenen Ruhestand, machen Teilzeit, um es überhaupt durchzuhalten.
ZEIT ONLINE: Man liest oft, Deutschland habe eines der besten Gesundheitssysteme der Welt. Das Grundlegende aber scheint nicht zu funktionieren, nämlich ausreichend Personal für die Pflege von Alten, Kranken und Schwachen vorzuhalten. Warum?
Thiessen: Es liegt auch daran, dass viele, die den Beruf gern machen, irgendwann aussteigen. Sie sagen, sie können es nicht verantworten, so zu arbeiten. Diese ernsthafte Klage kennen wir seit über 30 Jahren. Und die Antwort lautet stets: Dann holen wir uns billige Arbeitskraft aus anderen Ländern. In den Achtzigerjahren waren es Südkoreanerinnen und Filipinas. Jetzt sucht man weiter in aller Welt. In China sollen Pflegerinnen nach deutschen Standards ausgebildet werden, um dann herzukommen.
ZEIT ONLINE: Weil man hofft, dass die Leidensfähigkeit von Migrantinnen höher ist?
Thiessen: Ja, genau. Das Kalkül ist, dass man denen diese Arbeitsbedingungen vielleicht noch zumuten kann. Die Rechnung ist aber nicht aufgegangen. Der gesamte globale Norden sucht im globalen Süden nach Care-Arbeitskräften.
ZEIT ONLINE: Gerade wurden zur Versorgung von Covid-19-Patienten 75 Pflegerinnen aus den Philippinen nach Hessen eingeflogen.
Thiessen: Seit Jahrzehnten fährt man diese Strategie. Es ist ja immer noch günstiger, als den Pflegeberuf hier aufzuwerten. Und durch die Privatisierung und die damit einhergehende Renditeerwartung sind die Arbeitsbedingungen oftmals noch schlimmer geworden. Dass Kliniken Gewinne abwerfen sollen, funktioniert nur, wenn man am Personal spart. Alles wurde runtergefahren in einem privatisierten Gesundheits- und Caresystem. Es ist nicht so, dass wir das nicht gewusst hätten.