Der Ökonom Friedrich Heinemann ist Experte für Staatsfinanzen und Unternehmenssteuern am ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung. Im Interview spricht er darüber, wie die von der Bundesregierung angekündigten Hilfen gegen die Corona-Krise wirken könnten.

ZEIT ONLINE: Herr Heinemann, die Bundesregierung hat angekündigt, Unternehmen unbegrenzt Kreditbürgschaften zur Verfügung zu stellen, wenn sie durch die Corona-Epidemie in große Schwierigkeiten kommen. Was bedeutet das genau?

Friedrich Heinemann: Zunächst ist das der Versuch, eine ähnliche Aussage zu treffen wie der damalige EZB-Präsident Mario Draghi in der Eurokrise. Draghi sagte damals, die Notenbank werde tun, was immer notwendig sei – whatever it takes. Die deutsche Regierung sagt jetzt, dass sie auf keinen Fall typisch deutsch reagieren wird, also dogmatisch und regelverliebt. Die Situation ist so außergewöhnlich, man will pragmatisch handeln und ein starkes Signal für Hilfe in einer unverschuldeten Notsituation der Unternehmen senden.

ZEIT ONLINE: Kann dann nicht jedes Unternehmen kommen, dem es vielleicht schon vorher schlecht ging, und ebenfalls frisches Geld verlangen?

Heinemann: Das darf natürlich nicht passieren. Aber der Staat kann sich eben auch nicht darauf verlassen, dass private Banken jetzt Corona-Opfern die Kreditlinien ausweiten. Die Banken werden nicht aus reinem Mitleid Geld geben. Hier muss der Staat mit seinen Krediten einspringen, zum Beispiel über die KfW.

ZEIT ONLINE: Aber wie genau entscheidet der Staat, wer einen Anspruch auf die Notkredite hat?

Heinemann: Es ist naheliegend, zunächst zu schauen, aus welcher Branche das Unternehmen kommt. Verdient es sein Geld im Tourismus oder mit Konferenzen? Solche Unternehmen sind durch die Krise jetzt enorm betroffen. Man kann also zunächst typisieren. Dann kann man beispielsweise in einem Unternehmen aus dem Gastgewerbe die Umsätze aus dem Jahr 2019 betrachten und diese dann mit dem Umsatzrückgang im laufenden Jahr abgleichen. Dann wird schnell klar, ob die Ursache für den Einbruch in der Corona-Krise liegt. Die entscheidende Frage ist allerdings, ob Kredite diesen Unternehmen jetzt helfen.

ZEIT ONLINE: Tun sie nicht?

Heinemann: Nehmen sie die Fluggesellschaften. Wenn sie jetzt zusätzliches Fremdkapital erhalten, stopft das nicht das Loch in der Bilanz. Das heißt, das Unternehmen wird in diesem Jahr einen gewaltigen Verlust erleiden. Er wird das Eigenkapital aufzehren. Rein betriebswirtschaftlich nützen da zusätzliche flüssige Mittel nicht viel, selbst wenn sie als Kredit zu null Prozent Zinsen gewährt werden. Ist das Eigenkapital aufgezehrt, dann ist das Unternehmen überschuldet, egal wie viel Kredit vom Staat es bekommt.

ZEIT ONLINE: Aber die Kosten gerade einer Fluggesellschaft sinken doch auch. Die Flieger sind am Boden, das Personal erhält staatliches Kurzarbeitergeld.

Heinemann: Aber die Zentrale muss weiterarbeiten. Die Verbindlichkeiten müssen weiter bedient, die Mieten bezahlt und die Zinsen für den enormen Kapitaleinsatz der Flotte bezahlt werden. All diese Fixkosten laufen weiter. Das Kurzarbeitergeld kompensiert nicht alle Ausfälle. Es hilft enorm, es mindert Verlust, aber trotzdem wird es Verluste geben. Glücklicherweise kommen die deutschen Unternehmen im Durchschnitt gerade aus fetten Jahren. Viele haben gute Kapitalreserven aufgebaut und können ein halbes Jahr davon zehren, ohne dass sie gleich kollabieren.

ZEIT ONLINE: Und was machen die Unternehmen, denen es vor der Krise nicht so gut ging?

Heinemann: Wenn der aktuelle Abfluss von Liquidität das maßgebliche Problem des Unternehmens ist, dann kann die Liquiditätshilfe des Bundes überlebenswichtig sein. Dann kommt es zumindest nicht zu einer Insolvenz wegen Zahlungsunfähigkeit. Wenn aber das Eigenkapital knapp wird, dann hilft letztlich nur noch eine Beteiligung des Staates. Man kann das Statement von Bundesfinanzminister Olaf Scholz sicher so interpretieren, dass er sagt: Macht euch keine Sorgen, der Staat ist jetzt eher großzügig und wird Lösungen für die verschiedenen Fälle finden.

ZEIT ONLINE: Das Bundesfinanzministerium spricht davon, dass zunächst Kreditgarantien von fast einer halben Billion Euro bereitgestellt werden können, und falls das nicht ausreiche, auch mehr. Kann sich der Bund das leisten?

Heinemann: Die deutsche Wirtschaft erwirtschaftet im Jahr insgesamt etwa 3,5 Billionen Euro. Wenn wir eine Rezession unterstellen im Ausmaß der Finanzkrise aus dem Jahr 2009, dann hätten wir jetzt einen Konjunktureinbruch von 175 Milliarden Euro zu erwarten. Wenn der Bund diese nur zur Hälfte ausgleichen will, kostet ihn das rund 90 Milliarden Euro. Die KfW könnte mit ihrem Hebel dann noch viel höhere Summen mobilisieren. Da ist man dann in der Größenordnung der angekündigten halben Billion. Man muss sagen: Dank der schwarzen Null und der beharrlichen Sparpolitik der vergangenen Jahre ist das mühelos finanzierbar. Das haut Deutschland überhaupt nicht um.

ZEIT ONLINE: Aber es ist noch vollkommen offen, wie schwer diese Wirtschaftskrise tatsächlich wird.

Heinemann: Das stimmt. Aber klar ist, dass es nicht bei einem kleinen Dämpfer bleibt, wie viele anfangs angenommen hatten. Wir reden von einer schweren Rezession, und dafür ist die Finanzkrise 2009 das beste Beispiel. Hinzu kommt im Gegensatz zu 2009 sogar, dass nicht allein die Nachfrage einbricht, sondern auch das Angebot, wenn jetzt die Schulen schließen und viele Beschäftigte nicht arbeiten können, weil sie ihre Kinder betreuen müssen. Das wird auch zu Ausfällen in vielen Produktionsbetrieben führen.

ZEIT ONLINE: Nun hat nicht allein Deutschland das Problem, sondern alle anderen EU-Staaten auch. Und gerade in den südeuropäischen Ländern sehen die Staatsfinanzen ganz anders aus. Was kann die EU jetzt unternehmen?

Heinemann: Gerade für die südeuropäischen Länder ist das eine volle Breitseite. Ein wichtiger Faktor für ihre wirtschaftliche Erholung in den vergangenen Jahren war der Tourismussektor. Der kommt in der laufenden Saison vollständig zum Erliegen – nicht nur in Italien, sondern auch in Spanien und Griechenland. Die EU-Kommission will deshalb jetzt höhere Staatsdefizite zulassen, wie es der Stabilitätspakt für solche Notsituationen vorsieht. Die Frage ist, ob die Kapitalmärkte das erlauben werden und wie sich die Risikoaufschläge für Italiens Staatsanleihen weiterentwickeln. Hier kann die Europäische Zentralbank helfen, die Finanzierungskraft der Südeuropäer wieder zu stützen.

ZEIT ONLINE: Was kann die EZB denn konkret unternehmen?

Heinemann: In der Eurokrise hat die EZB das sogenannte OMT-Programm beschlossen, in dessen Rahmen in unbeschränktem Ausmaß kurzfristig Anleihen von Staaten im Euroraum gekauft werden können. Bisher hat niemand dieses Programm beansprucht, aber man muss sich in Erinnerung rufen, dass es weiterhin existiert. Wenn Italien ein Refinanzierungsproblem bekommen sollte, dann wäre das OMT-Programm eine Möglichkeit, das Land zu stützen. Das würde voraussetzen, dass Italien mit dem Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) ein Abkommen abschließt. Und das würde auch Reformmaßnahmen beinhalten. Es mag zynisch klingen, dass man in einer solchen Situation einer Epidemie, die ja nicht selbst verschuldet ist, noch Reformen verlangt. Aber formal ist das die Voraussetzung. Man könnte sie der Lage auch anpassen.