Der Bürgermeister und das Geisterschiff – Seite 1

Frank Kracht blinzelt in die Sonne, die sich an diesem Nachmittag besonders grell in der Ostsee spiegelt. Vom Balkon des Hafenamts schaut er die Küstenlinie entlang, über die Anleger im alten Fischereihafen, über die Segelboote, bis hinüber zum großen Fährhafen, der jetzt zum Ort der Auseinandersetzung zwischen Weltmächten geworden ist. Kracht, Bürgermeister der Stadt Sassnitz auf Rügen, knapp 10.000 Einwohner, ist mitten hineingeraten in diesen Konflikt zwischen Russland, den USA und Deutschland.

Das sei der "Gipfel der Unverfrorenheit", sagt der Bürgermeister und meint den Brief, der ihn vor wenigen Tagen erreichte. United States Senate steht ganz oben in Frakturschrift auf dem Papier, Washington DC darunter. Rechts daneben prangt jetzt in deutscher Ordentlichkeit ein blauer Stempel: "Eingegangen – 06.08.2020".

In dem Schreiben drohen drei Kongressabgeordnete implizit dem deutschen Bürgermeister und Amtsträger Frank Kracht, ihn und weitere Beteiligte der öffentlichen Hafengesellschaft in Sassnitz mit Sanktionen zu belegen. Ganz persönlich würden sie bestraft – "rechtlich und wirtschaftlich", heißt es in dem Papier. Die US-Amerikaner fordern von den Adressaten, sofort ihre Unterstützung für jenes Projekt zu beenden, das die USA mit aller Macht verhindern wollen: Die Gaspipeline Nord Stream 2. Sie soll, wenn sie fertig ist, Erdgas direkt aus Russland durch die Ostsee nach Deutschland befördern.

"Wirtschaftliche Kriegserklärung"

Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, nennt den Brief einen Erpressungsversuch. Der Grünen-Außenpolitiker Jürgen Trittin sprach gar von einer "wirtschaftlichen Kriegserklärung", auch das Auswärtige Amt verurteilte die Aktion. Vertreter der deutschen Wirtschaft drängen auf Gegenmaßnahmen.

Streit um Nord Stream 2

© ZEIT ONLINE

Frank Kracht legt die Hand wie einen Sonnenschirm über die Augen. Der Fährhafen Sassnitz ist durch den Hitzedunst über dem Wasser kaum zu erkennen. Nur ein gewaltiger Kran ragt am Horizont empor, sticht aus dem Panorama hervor. Er gehört zu einem russischen Schiff, der Akademik Cherskiy. Kracht will den Namen des Schiffes kaum aussprechen, auch will er sonst nicht viel dazu sagen. Als würde es, wenn Kracht nicht hinsieht und nicht darüber spricht, den riesigen Kran nicht geben. Und die Fragen danach auch nicht mehr.

Das Spezialschiff mit dem mächtigen blauen Rumpf und diversen Aufbauten liegt seit Mai dieses Jahres in Sassnitz und soll den Bau der Nord Stream 2 vollenden. Auf dem Kai direkt vor dem Schiff lagern Tausende Röhrenelement aufgestapelt in langen Reihen wie riesige Zigarren in einem gigantischen Tabakwarenladen. Jedes Element zwölf Meter lang, außen mit einer dunklen Betonschicht ummantelt, innen aus Stahl. Gewicht pro Stück: 24 Tonnen.

Die "Akademik Cherskiy" im Fährhafen Sassnitz © Meiko Herrmann für ZEIT ONLINE

Die Akademik Cherskiy soll die Röhren eigentlich aufnehmen und im Meer verlegen. "Es fehlen noch etwas mehr als 150 Kilometer", sagt ein Sprecher des Pipelineprojekts Nord Stream 2. Südöstlich der dänischen Ostseeinsel Bornholm seien die Arbeiten Ende Dezember vergangenen Jahres abgebrochen worden, weil das bisherige Verlegerschiff der Firma Allseas von dem Projekt abgezogen wurde. Auch dem Schweizer Unternehmen hatten die USA Sanktionen angedroht.

Nun ist Kracht ins Visier geraten. Als Bürgermeister habe er mit dem Schiff direkt nichts zu tun, betont er zwar. Kracht vertritt seine Stadt als Gesellschafter der Fährhafen Sassnitz GmbH, die zu 90 Prozent der Gemeinde gehört und zu 10 Prozent dem Land Mecklenburg-Vorpommern. Er sagt: "Wir als Hafengesellschaft haben hier lediglich den Liegeplatz vergeben." Das allerdings werten die US-Abgeordneten als Unterstützung einer falschen Sache.

Wenn man Bürgermeister Kracht fragt, was letztlich den Kern dieses internationalen Konflikts ausmacht, warum die US-Amerikaner das deutsch-russische Gasprojekt blockieren, gibt er eine klare Antwort: "Es geht schlicht darum, Absatzmärkte zu schaffen." Die USA wollten ihr eigenes Flüssiggas in Europa verkaufen. "Das dürfen wir uns hier aber nicht aufzwingen lassen", sagt er. Allerdings gab es stets auch in Europa Gegner des Projekts und Deutschland hat es gegen jegliche Widerstände durchsetzen wollen. Die osteuropäischen Länder waren von vornherein dagegen, weil ihnen Gebühren verloren gehen werden, die sie bisher dafür bekommen, dass sie durch ihre Länder das Gas fließen lassen.

Koloss, für den sich keiner verantwortlich fühlen will

Die fertigen Pipeline-Elemente: jedes zwölf Meter lang und 24 Tonnen schwer © Meiko Herrmann für ZEIT ONLINE

Jetzt also soll die Akademik Cherskiy die Fertigstellung der Pipeline übernehmen, 150 Meter lang ist das Schiff, mehr als 38 Meter breit. An Bord ein Hubschrauberlandedeck, zwei kleine Kräne und der große Auslegearm sowie ein weißes Gestell, das über dem Meer ausgefahren werden kann. Darüber lässt die Crew die Pipeline-Elemente in das Wasser sinken, nachdem Arbeiter an Bord die einzelnen Röhrenteile zusammenschweißen. Allerdings ist die Akademik Cherskiy wohl langsamer als das bisherige Verlegerschiff der Schweizer Firma, statt drei Kilometern Pipeline pro Tag soll sie nur einen Kilometer schaffen. Noch aber liegt sie am Kai. Auf den Decks sind Arbeiter zugange, die das Schiff für den Einsatz vorbereiten, vielleicht.

Denn wie es weitergeht, warum die Akademik Cherskiy hier noch liegt und wann sie ablegt, kann oder will niemand sagen. Der Bürgermeister nicht und auch sonst niemand. Nord Stream 2 will noch nicht mal mitteilen, wem das Schiff überhaupt gehört – unübersehbar ist sie und trotzdem ein Geisterschiff.

Bekannt ist nur, dass sie vormals dem russischen Energiekonzern Gazprom gehörte, der auch zu 100 Prozent Eigentümer der Projektgesellschaft Nord Stream 2 ist. In russischen Medien allerdings wurde berichtet, dass Gazprom das Schiff inzwischen verkauft haben soll, wahrscheinlich an eine Kapitalgesellschaft.

Bestätigen aber will der Konzern das nicht, der deutsche Ableger von Gazprom verweist zurück auf Nord Stream 2. Warum dieses Versteckspiel? Offenbar will man es den US-Amerikanern nicht zu leicht machen. Denn wenn diese die Eigentümer der Akademik Cherskiy mit neuen Sanktionen belegen sollten, dürften sie zumindest nicht Gazprom direkt treffen.

"Neue Qualität eingezogen"

In Sassnitz jedenfalls sind sie durch die US-amerikanischen Drohungen nicht unbeeindruckt geblieben. "Es ist eine neue Qualität eingezogen mit diesem Brief", sagt Bürgermeister Kracht. Es sei dort nicht allein die GmbH genannt, die von den Sanktionen betroffen wäre. Auch würde nicht nur das Führungspersonal aus Vorstand, Geschäftsführer und Anteilseigner aufgeführt. "Sogar die einfachen Mitarbeiter werden mit aufgezählt", sagt Kracht und legt eine Pause ein. Hinter ihm dringt das Krächzen der Möwen durch die offenen Fenster des Hafenamts. Schließlich sagt er: "Dann fängt der ein oder andere auch an, zu überlegen, was das für ihn persönlich bedeuten kann."

Wie die persönlichen Sanktionen gegen ihn oder die Mitarbeiter der Hafengesellschaft wirken könnten, sei jetzt die Frage. "Klar ist, einreisen wird man dann in die USA nicht mehr können." Aber möglich seien auch andere Beschränkungen. "Können dann die Sekretärin oder der Sicherheitsmitarbeiter des Hafens noch US-Dienste wie Amazon oder PayPal nutzen?", fragt Kracht. Das sei unklar.

Bürgermeister Frank Kracht im Hafenamt der Stadt © Meiko Herrmann für ZEIT ONLINE

Für den Hafen selbst hießen Sanktionen: keine wirtschaftlichen Aktivitäten mehr mit US-Firmen. "Davon sind wir als Unternehmen momentan nicht betroffen", erklärt Kracht, weil es solche geschäftlichen Verbindungen aktuell nicht gebe. Aber das ist nur die nüchterne, die rationale Sichtweise. Unter den Sassnitzern hat sich nach dem Brief aus den USA auch Verunsicherung ausgebreitet. Schließlich wird ihr Hafen bedroht. Rund 2.000 Menschen arbeiten hier und in den umliegenden Betrieben, die von dessen Geschäften abhängig sind. Für die Gemeinde mit ihren berühmten Kreidefelsen ist der Hafen neben dem Tourismus der wichtigste Wirtschaftsfaktor.

Mit dem Auto geht es jetzt durch den alten Fischereihafen aus der Stadt hinaus. Der Bürgermeister als Fremdenführer: Zur Linken liegt gerade das historische Leuchtturmschiff Cuxhaven, das Kracht an diesem Morgen im Hafen begrüßt hat. Zur Rechten die Wache der Wasserschutzpolizei. Und gleich gegenüber ein merkwürdig kastenartiges Schiff mit vielen Fenstern, das an der Hafenmauer anliegt. Die Lokalpresse hat schon über die Rossini berichtet: ein Wohnschiff, in dem mehrere Hundert Arbeiter für den Betrieb des russischen Verlegerschiffs Akademik Cherskiy untergebracht seien. Kracht sagt, eine Reederei habe den Liegeplatz angefragt. Da habe man ihn vergeben.

Schnurgerade führt die Straße jetzt an einem Gelände vorbei, auf dem Tausende Pipelineteile unter freiem Himmel lagern. Eine schier endlose Flucht aus runden Rohröffnungen. Kracht geht einige Schritte zu Fuß ab. Früher, sagt er, sei das alles Bahngelände gewesen. Ganze Züge wurden zu DDR-Zeiten über den Sassnitzer Hafen verschifft. Sie rollten hier in die Fähren ein und in der Sowjetunion wieder heraus. "Ich sage immer, wir waren der westlichste Bahnhof der Transsibirischen Eisenbahn." Fast das Gleiche also, was die drei US-Abgeordneten Sassnitz auch jetzt wieder vorwerfen: dass der Hafen als hilfreiche Außenstelle russischer Infrastruktur fungiert.

"Projektgeschäft" nennt Kracht das heutige Geschäftsmodell des Hafens. Im Fall Nord Stream 2 heißt das: Außer dem Liegeplatz für die Verlegerschiffe hat die Hafengesellschaft auch die Flächen bereitgestellt, auf der die Rohre der Pipeline mit Beton ummantelt wurden. Diese Arbeiten sind lange schon abgeschlossen, alle Röhren bereit zum Abtransport. Doch wann und wie es weitergeht, will oder kann wieder einmal keiner so genau sagen. Kracht zumindest will dem Druck aus Amerika nicht nachgeben. "Ich bekomme viel Unterstützung", sagt er. "Die Bürger sprechen mich an, sie schicken E-Mails und sagen, dass wir standhaft bleiben sollen." Sich von außen reinreden lassen, das wolle man hier nicht.