Deutschlands größte privatwirtschaftliche Wirtschaftsauskunftei, die Schufa, will in Zukunft offenbar Verbraucherinnen und Verbraucher auch anhand ihrer Kontoauszüge bewerten. Dies zeigen Recherchen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung (SZ). Demnach unternahm das Unternehmen Anfang November – im Rahmen einer Zusammenarbeit mit dem Mobilfunkkonzern Telefónica/O2 – erste Schritte, um an solche sensiblen Daten zu gelangen.
Laut des Berichts sollen Schufa-Mitarbeiter in den vergangenen Monaten auf Branchenveranstaltungen immer wieder über entsprechende Pläne berichtet haben. Dabei sollen Daten von Kontoauszügen mit bei der Schufa bereits vorhandenen Verbraucherdaten zusammengeführt werden. Die Auskunftei soll dadurch noch besser in der Lage sein, die Zahlungsfähigkeit sowie Risiken und Vorlieben von Verbrauchern zu erfassen.
Glücksspiel und Rücklastschriften gelten als "Risikofaktoren"
Der Rechercheverband berichtet von einer Branchenveranstaltung im Sommer 2020. Ein Mitarbeiter der neuen Schufa-Tochterfirma Finapi soll berichtet haben, dass das Unternehmen in Kontoauszügen 65 Kategorien erkennen könne – darunter Gehalt, Miete, staatliche Leistungen, Unterhaltszahlungen, Arztbesuche sowie Urlaubsreisen. Zudem könne man "Risikofaktoren" wie Glücksspiel, Zahlungen an Inkassoinstitute oder Rücklastschriften identifizieren, die beispielsweise bei einem Kreditantrag wichtig sein könnten.
Erste Schritte, um an Kontoauszüge zu gelangen, hat die Schufa im Rahmen ihres neuen Produkts Schufa CheckNow unternommen. Am 4. November 2020 begann eine dreimonatige Testphase in Zusammenarbeit mit Telefónica/O2. Potenzielle Neukunden, die aufgrund ihrer schlechten Bonität normalerweise keinen O2-Handyvertrag bekommen würden, können sich von der Schufa auf ihr Konto schauen lassen. So kann die Auskunftei eine neue und womöglich bessere Bonitätsbewertung erstellen, die dann doch einen Handyvertrag möglich macht. Solche Daten würden danach umgehend gelöscht, erklärt das Unternehmen.
Ein solcher Einblick durch sogenannte Kontoinformationsdienste wurde durch die Einführung der Zweiten EU-Zahlungsdiensterichtlinie (PSD2) ermöglicht. Voraussetzung ist, dass der Kunde dem zustimmt.
Datenschutzbehörde in München prüft neuen Service
Die Schufa hatte bereits Ende Dezember 2018 den von der Bankenaufsicht BaFin lizenzierten Münchner Kontoinformationsdienst Finapi GmbH gekauft, der nach eigenen Angaben potenziell Zugriff auf mehr als 50 Millionen deutsche Bankkonten hat. NDR, WDR und SZ zitieren aus internen Schufa-Dokumenten, wonach die Finapi GmbH auch deshalb von der Schufa übernommen wurde, um an Kontodaten von Verbrauchern zu gelangen. Der Kontoeinblick eröffne ein "umfangreiches Potenzial in Hinblick auf Bonitätsbewertung, Affinitätsscores oder Ermittlung der Lebenssituation", heißt es demnach in einer vertraulichen Schufa-Präsentation vom Frühjahr 2019.
Die neue Dienstleistung Schufa CheckNow sowie die Möglichkeit einer "freiwilligen Datenspende" an die Schufa werden derzeit vom zuständigen Bayerischen Landesamt für Datenschutzaufsicht auf ihre rechtliche Zulässigkeit geprüft. Bayern ist zuständig, weil die Schufa-Tochterfirma Finapi GmbH dort ihren Sitz hat.
Nach Informationen von NDR, WDR und SZ wurde das neue Projekt erst an dem Tag der Aufsichtsbehörde vorgestellt, als es online ging. Zum Ausgang der Prüfung wollte sich die in Ansbach ansässige Behörde nicht äußern. Behördenleiter Michael Will zeigte sich jedoch grundsätzlich skeptisch, ob die Verbindung aus einer Auskunftei und einem Kontoinformationsdienst – wie im Fall Schufa/ Finapi – "so legitim, so hinnehmbar" sei. "Das sind zwei unterschiedliche Geschäftsmodelle, mit denen wir es hier zu tun haben", sagte Will.