Aber sicher – Seite 1

Eigentlich ist das südfranzösische Grasse für seine Jasmin- und Lavendelblüten berühmt, die hier zu Parfum destilliert und in duftende Emulsionen gerührt werden. Aber hinter einer verspiegelten Fassade in den südlichen Hügeln der Kleinstadt vertreibt Stéphane Destaing eine Creme für Notfälle: Cevidra soll radioaktive Nukleide von der Haut waschen. Etwa, wenn Arbeiter in einem Atomkraftwerk versehentlich von einer verstrahlten Flüssigkeit kontaminiert werden. "Es ist weltweit die einzige Creme dieser Art", sagt Destaing. Der Firmenchef hat in einem Konferenzzimmer führende Pharmazeuten versammelt, um die Vorzüge seines Produkts zu erklären: Mit einem einfachen Eincremen würde verhindert, dass die radioaktiven Teilchen in den Körper eindringen.

Destaing hat die schwierige Aufgabe, seine entgiftende Creme anzupreisen und zugleich die französische Atomkraft für sicher zu erklären: Seine Kunden, Betreiber von AKW, nuklearen Wiederaufbereitungsanlagen und Lagern für Atommüll, haben kein Interesse daran, über radioaktiv verseuchte Mitarbeitende zu sprechen. Deswegen sagt Destaing immer wieder, dass die Meiler in Frankreich alle sicher seien und sie nur "in Ausnahmefällen" seine Creme benötigten, bislang "zwischen einigen Hunderten und einigen Tausend Mal". Dann etwa, wenn Arbeiter bei Wartungsarbeiten im primären Kreis der Anlage mit dem radioaktiven Kühlwasser in Kontakt kämen. Bislang würden sich die Betroffenen nur mit Seife und Wasser waschen. "Das spült aber nur einen kleinen Teil wieder ab", sagt Destaing und zeigt auf ein Säulendiagramm aus einer Studie der staatlichen Behörde für nukleare Sicherheit IRSN. Die Creme aus der schwarzen Tube binde die meisten Radionukleide wie Uran, Cäsium oder Thorium achtmal besser und könne so verhindern, dass sie weiter in den Körper drängen. 

In Frankreich hat Destaings Firma eine lukrative Zukunft vor sich: Weltweit ist es das Land mit dem dichtesten Netz an Atomkraftwerken, noch immer laufen dort 56 Meiler. Mit 70 Prozent ist der Anteil der Nuklearenergie so hoch wie in keinem anderen Staat der Welt. Und erst vor wenigen Tagen hat der Liberale Emmanuel Macron eine  schwärmerische Rede über die nukleare Energie gehalten. "Ohne Atomkraft kann Europa seine Klimaziele nicht erreichen", sagte er da und kündigte an, eine Milliarde Euro in sogenannte Minikraftwerke stecken zu wollen, sie hätten oberste Priorität. "Die Atomkraft ist ein Glück für unser Land", sagte Macron.

Im aktuellen französischen Wahlkampf überbieten sich die Kandidaten und Kandidatinnen in ihren Plänen für Atomkraft. Die rechtspopulistische Marine Le Pen will sechs neue AKW bauen und im Gegenzug Windräder demontieren, der gerade aufstrebende rechtsextreme Eric Zemmour gleich zehn neue Meiler errichten und alle konservativen Anwärter der Republikaner versprechen neue Reaktoren, sollten sie im April 2022 die Präsidentschaftswahl gewinnen. Auch Macron, so sagte er in seiner Rede, wird bald den Bau weiterer Meiler ankündigen. Eine Entscheidung, die das Land für Jahrzehnte auf die nukleare Energie festlegt. Das Pariser Hauptargument: die geringe CO2-Belastung für das Klima.

Lange vor Fukushima

Allerdings verursachen Solar- und Windkraft nach den Daten der Internationalen Energieagentur ebenso wenig Treibhausgase wie Atomkraft, nach neueren Berechnungen von Umweltschutzorganisationen sogar deutlich weniger. Aber die französischen Wahlkämpfer – mit Ausnahme der bislang chancenlosen Grünen und der Linken –  kündigen keinen oder nur einen geringen Ausbau von erneuerbaren Energien an. Genauso wenig, wie sie sich öffentlich Gedanken darüber machen, wie Strom einzusparen wäre, etwa, indem die weit verbreiteten Radiatoren in französischen Haushalten durch solare Wärmeschlaufen zu ersetzen wären, die gerade im sonnenreichen Süden effizient laufen. Vielmehr geht es bei diesen politischen Ankündigungen darum, sich als Vertreter einer französischen Industrienation zu verkaufen, wie es sie vielleicht mal in den 1970er Jahren gab, als pro Jahr mehrere AKW entlang der Rhone gebaut und bejubelt wurden, zu einer Zeit lange vor Tschernobyl und Fukushima.

Macrons oberste Priorität sind nun die sogenannten Minireaktoren SMR (Small Modular Reactor). Die SMR seien sicherer als die größeren Meiler, behauptete Macron  in seiner Rede. Sie sollen zwischen zwischen 25 und 500 Megawatt liefern können – und haben damit nur ein Bruchteil der Leistung der bestehenden Meiler. Bislang ist nur ein Mini-AKW geplant, das bis 2035 fertig sein soll. Daher sagt auch der französische Stromkonzern EDF, die SMR seien "vor allem für den Export bestimmt", und auch das erst ab 2030.

Die wahren Kosten sickern noch nicht durch

Denn was bei dem Liberalen so überschwänglich klingt, verdeckt in Wahrheit eine große industrielle Niederlage: Der neue Hochtemperaturreaktor EPR im normannischen Flamanville sollte einst das Vorzeigeprojekt für französische Atomkraft sein und 2012 ans Netz gehen. Inzwischen ist der Meiler mit 19 Milliarden Euro rund dreimal so teuer wie veranschlagt und wird voraussichtlich erst 2023 Strom liefern. Dann aber, so schrieb der französische Rechnungshof im vergangenen Jahr, wird der dort produzierte Strom doppelt so teuer sein wie der derzeit produzierte Atomstrom – und vor allem teurer als die Erneuerbaren. Eine Kluft, die sich noch vergrößern wird: Während die Solar- und Windkraft aller Voraussicht nach stetig günstiger produziert werden kann, ist die Atomkraft durch höhere Sicherheitsanforderungen nach dem Reaktorunfall in Fukushima teurer geworden.

Die wahren Kosten sickern bislang aber noch nicht durch. Frankreichs Bürgerinnen und Bürger sind noch heute sehr viel atomfreundlicher als der Rest Europas, rund 50 Prozent befürworten den Bau neuer Reaktoren. Die Antiatombewegung ist dort klein geblieben, Castortransporte fahren heute noch demonstrationsfrei durch das Nachbarland und nicht selten picknicken Familien auf den Wiesen rund um die Meiler. Ihnen wurde die Atomkraft bislang von jedem Präsident mit dem Argument schmackhaft gemacht, dass der so produzierte Strom so günstig sei. Unberücksichtigt blieben dabei die staatlichen Investitionen in den staatlichen Energiekonzern EDF – und den Arevakonzern, der neuerdings Orano heißt. Seit 2017 unterbieten die Solar- und Windenergie zuverlässig den Atomstrom, inzwischen rangiert der Kilowattstundenpreis in Frankreich im europäischen Mittelfeld

Aus Kostengründen gespart

Und in Zukunft werden nicht nur die Betriebskosten des EPR in Flamanville steigen, sondern des gesamten Atomparks: Rund 100 Milliarden Euro müssen der Konzern EDF und auch Areva in den kommenden Jahren investieren, um die meist vier Jahrzehnte alte Technik zu sanieren. Das EU-Wettbewerbsrecht wird es aber nicht zulassen, dass Frankreich noch länger seine Preise künstlich niedrig hält. Es ist nicht ausgeschlossen, dass aus Kostengründen an der Sicherheit gespart werde, sagt Yves Marignac, Atomexperte bei dem Verein Negawatt. Die kommenden Jahre seien die gefährlichsten in der französischen Atomgeschichte. Selbst die staatliche Aufsichtsbehörde ASN, die traditionell wohlwollend über die ebenfalls staatlichen französischen AKW schrieb, schlägt zunehmend kritische Töne an. In ihrem aktuellen Bericht (Seite 300) bemängelt sie etwa, es würden nicht konforme Ersatzteile bei der Wartung der Reaktoren eingesetzt, und dass wegen fehlerhafter Reparaturen zunehmend Störfälle aufträten. Dabei wird die Wartung und Reparatur künftig bedeutsamer denn je: Dutzende Reaktoren sollen länger als die einst veranschlagten vierzig Jahre laufen, viele ihrer jahrzehntealten Komponenten müssen bald ausgetauscht werden.

Macrons Ankündigung, eine Milliarde Euro in die sogenannten Minireaktoren zu stecken, hält Atomexperte Marignac für eine Nebelkerze. "Es soll ein Signal sein für die Start-up-Nation, von der Macron träumt. Aber kleinere AKW haben dieselben Probleme wie die großen: Sie müssen polizeilich bewacht werden, sie produzieren gefährlichen Atommüll und sie sind sehr viel schwerer aufzubauen als Erneuerbare." Die Atomkonzerne versuchten zu verschleiern, dass sie von Wind-und Sonnenenergie abgehängt würden. Für Frankreich entscheidend seien hingegen machtpolitische Gründe: "Die zivile und militärische Nutzung gehören zusammen – und das Land will eine Atommacht bleiben." Das hatte Macron schon in einer Rede im vergangenen Dezember unverblümt erklärt: "Unsere nukleare Abschreckung, die U-Boote, die Flugzeugträger – das wir im Ausland respektiert werden und wir eine unabhängige Macht sind, beruht auf unserer nuklearen Industrie", sagte er damals.

Kein Gegenmittel

Auch Destaings Creme wird vom französischen Militär genutzt, ebenso wird sie an einigen "strategischen Punkten" – die der Firmenchef nicht nennen darf – für Terrorangriffe bereit gehalten. Schließlich, so schreibt es auch die französische Atomaufsichtsbehörde, sei die ionisierende Strahlung krebserregend. Deshalb sind auch Studien über wirksame Dekontaminationen schwierig. Destaing hat seine Creme an Zellen aus Schweineohren in Reagenzgläsern getestet. Und vertraut auf die Messungen der Nutzer, die laut ihrer schriftlichen Antworten nach dem Einseifen, meist von Gesicht und Haaren, keine radioaktive Strahlung mehr messen konnten.

Seine Zukunft sieht Destaing aber lieber in den Röntgenabteilungen von Krankenhäusern und im Ende der nuklearen Energie: Für den Rückbau der Atomkraftwerke sei seine Creme besonders nützlich. "Das ist ein sehr kritischer Moment für die Arbeiter", sagt er. Bei diesen Manövern sei die Gefahr einer Kontaminierung besonders groß. Allerdings: Die Emulsion aus Grasse schützt nur gegen radioaktive Verstrahlung auf der Haut. Wer eine zu hohe Dosis radioaktiver Teilchen in der Luft einatmet, hat bis heute kein Gegenmittel.