Die
Wahl hat Donald Trump verloren, an der Wall Street könnte er jetzt zum großen Gewinner werden. Bigly, wie er es selbst formulieren würde. Dank eines Finanzvehikels, das selbst unter Finanzprofis umstritten ist, einer schillernden Truppe von Geschäftsleuten
und einer Welle von Amateuranlegern, die durch Social
Media getrieben nach dem nächsten großen Ding suchen.
Doch
der Reihe nach: Nach mehreren fehlgeschlagenen Versuchen,
dem ehemaligen Präsidenten ein neues Sprachrohr zu verschaffen, kommt jetzt TRUTH Social. Die soziale Medienplattform soll eine Alternative zu Twitter und Facebook werden, auf der laut Trump selbst rechte Stimmen unzensiert zu Wort kommen sollen. Eine Probeversion
startet im November. Vor allem aber dürfte Trump selbst dort seine Botschaften verbreiten, nachdem sowohl Twitter als auch Facebook ihn gesperrt haben.
Das Unternehmen, zu dem TRUTH Social gehört, heißt TMT Group, was für Trump Media & Technology steht, und
vergangene Woche kündigte Trump an, es an die Börse bringen zu wollen. Durch eine Hintertür, einen sogenannten SPAC. Das steht für Special Purpose Acquisition Company. Ein passenderes Finanzvehikel für Donald Trump hätte man kaum finden können.
Es funktioniert
folgendermaßen: Ein Initiator gründet ein Unternehmen – ein SPAC –, das erst einmal kein Geschäft oder Produkt hat. Es ist eine leere Hülle. Dann bringt er das SPAC an die Börse. Mit dem beim Börsengang eingesammelten Geld geht der Initiator dann auf die Suche
nach einem geeigneten Unternehmen, mit dem er dann das SPAC fusioniert. Das Unternehmen kommt auf diese Weise an frisches Kapital, ohne die strikten Standards und Regeln eines normalen Börsendebüts einhalten zu müssen. Die SPAC-Investoren wiederum hoffen darauf,
dass die Aktien nach der Fusion mit dem aufgekauften Unternehmen abheben.
Vor der Pandemie genossen SPACs selbst an der Wall Street einen eher trüben Ruf. "Blankoschecks" wurden sie von den Profis dort auch gerne genannt. Der Erfolg hängt letztlich davon ab,
neue Investoren anzulocken mit einer überzeugenden Investment-Story. Vergangenes Jahr wurden sie zu einem heißen Ding. Rund 80 Milliarden Dollar sammelten SPAC-Initiatoren im Jahr 2020 ein. Der Trend beschleunigte sich im zweiten Pandemiejahr nur noch: Allein in
den ersten neun
Wochen
dieses Jahres flossen weitere 70 Milliarden Dollar in die Blankoscheck-Unternehmen, teilt FINRA mit, die US-Standesorganisation der Börsenhändler.
Mit Trumps TMT könnte der Hype den Höhepunkt erreicht haben. Die Aktien des SPAC, das Trumps TMT Group und damit TRUTH Social übernehmen soll, dümpelten vor Trumps Ankündigung bei zehn Dollar. Am Freitag schlossen sie an der New Yorker Techbörse Nasdaq bei 94
Dollar. Damit stiegen die Anteile innerhalb von zwei Handelstagen um mehr als 800 Prozent. Allerdings verkauften viele Anleger die Papiere auch gleich wieder. So wechselten 470 Millionen Anteile des SPAC allein am Donnerstag an der Börse die Hände. Zum Vergleich:
Im gleichen Zeitraum wurden 32 Millionen Anteile des SPY-Fonds gehandelt, eines Indexfonds, der alle großen US-Unternehmen enthält und der zu den aktivsten gehandelten Anteilen an der New Yorker Börse gehört.
Das künftige Trump-Vehikel lockte offenbar mehr
Zocker an als einst seine Kasinos. Getrieben wurde der raketenhafte Anstieg offenbar von Anlegern, die ihre Tipps aus den sozialen Medien holen. So war der SPAC die meistdiskutierte Aktien auf StockTwits,
einer Onlineplattform für Anleger und Händler.
Das
SPAC, das Trumps Medienplattform an die Börse jonglierte, heißt DWAC, eine Abkürzung, die nach Dagobert Duck klingt und für Digital World Acquisition Corporation steht, was auch nicht erhellender ist. Dahinter steht nicht etwa eine Investmentbank oder ein bekannter
Großinvestor, sondern ein Mann namens Patrick Orlando. Zu dessen bisherigen beruflichen Stationen gehört eine Biosprit-Firma namens PURE Biofuels, mit Sitz in Texas und Operationen in Peru. Er war Mitgründer eines Zuckerhändlers. Ein paar Jahre lang verdingte
Orlando sich als Derivatehändler bei der Deutschen Bank.
Aufmerksamkeit erregt allerdings vor allem ein weiterer SPAC, an dem der Ex-Banker beteiligt ist. Yunghong International ist nach eigenen und erfrischend offenen Angaben eine
"Blankoscheckfirma", die auf "Wachstumsgelegenheiten durch Konsumenten/ Lifestyle Geschäfte mit Schwerpunkt in Asien" setzt. Eine jüngst geplante Übernahme eines Batterieherstellers schlug allerdings fehl. Gemeldet ist das SPAC auf den Cayman Islands, der
Geschäftssitz ist in Wuhan. Ein gefundenes Fressen für allerlei Verschwörungstheoretiker, aber mit ziemlicher Sicherheit nur der Beleg für die multinationalen Interessen und Kontakte, die sich Orlando rund um den Globus aufgebaut hat.
Zu diesen Kontakten gehört wohl auch der Finanzchef des Trump-SPAC DWAC: Luiz Philippe de Orléans e Bragança. Der ist nicht nur Kongressabgeordneter in Brasilien und Parteifreund von Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro, sondern auch Nachfahre von Dom Pedro II., der als Brasiliens Kaiser 1889 abgesetzt wurde. Orléans e Bragança ist verwandt mit dem französischen Adelshaus der Bourbonen und den bayerischen Wittelsbachern, zu denen auch Ludwig II. gehörte. Der Erbauer des Märchenschlosses Neuschwanstein, in Bayern bis heute verehrt, schwärmte von der längst vergangenen Zeit der Ritter und Burgfräulein, obwohl er sie nicht mehr erlebte. Auch sein entfernter brasilianischer Verwandter träumt davon, die Vergangenheit wieder aufleben zu lassen. So hat Orléans e Bragança sich für die Wiedereinführung der Monarchie in Brasilien ausgesprochen.
Patrick Orlando, der Initiator von DWAC, steuert das Vehikel nicht
aus Mar-a-Lago, Trumps Luxusclub auf der Reicheninsel Palm Beach, sondern laut Medienberichten aus einer WeWork-Zweigstelle in Miami. Hier schließen wir nun erst einmal den Kreis um den Trumpschen Börsenvorstoß, der uns einmal um die Welt geführt hat: WeWork
ist ein Coworking-Anbieter, dessen Gründer Adam Neumann einst dem Wall Street Journal anvertraute,
er wolle ewig leben, der erste Billionär der Welt werden und WeWork-Büros auf dem Mars eröffnen.
2019 war sein Start-up für kurze Zeit 47 Milliarden Dollar wert, bevor die Investoren Zweifel an dem Gemeinschaftsbüro-Geschäft bekamen und WeWork fast sogar das
Aus drohte. Am Donnerstag, als der Hype um Trumps DWAC in vollem Gange war, kam WeWork an die Börse.
Wie? Durch einen SPAC, was sonst!