Seit zwei Jahren dominiert die Corona-Pandemie den Alltag der Menschen – zwei Jahre Krise und ein sich wiederholender Wechsel von Einschränkungen und Lockerungen. Das hat auch Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Insgesamt steht dieser zwar vergleichsweise robust da. Doch die Spaltung hat zugenommen. Auf der einen Seite stehen die gut ausgebildeten Fachkräfte, die zunehmend rarer werden und um die sich die Unternehmen reißen. Schon in diesem Jahr könnten mehr als 300.000 von ihnen fehlen, weil die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen. Auf der anderen Seite stehen die Verliererinnen und Verlierer, die auf dem Arbeitsmarkt abgehängt sind.

Zunächst das Erfreuliche: Die Pandemie hat nicht – wie anfangs befürchtet – zu einem heftigen Anstieg der Arbeitslosigkeit geführt. Im Februar 2020 betrug die Arbeitslosenquote 5,3 Prozent – fast 2,4 Millionen Menschen hatten damals keinen Job. Ein Jahr später, im Februar 2021, war die Quote zwar auf 6,3 Prozent gestiegen, aber schon im Verlauf des zweiten Pandemiejahres erholte sich der Arbeitsmarkt rasch. Heute liegt die Arbeitslosigkeit wieder auf Vorkrisenniveau. Im Dezember betrug die Arbeitslosenquote 5,1 Prozent, im Januar stieg sie zwar leicht auf 5,4 Prozent. Aber zugleich erreichte der Stellenindex der Bundesagentur für Arbeit (BA) mit 135 Punkten einen Höchststand, wie die Behörde erst am Montag mitteilte. Zum Vergleich: Vor der Pandemie, im März 2020, war der Index 21 Punkte niedriger. Die guten Arbeitsmarktzahlen sind auch erstaunlich, weil pandemiebedingte Einschränkungen immer noch andauern und Teile der Industrie wegen Problemen bei den Lieferketten nach wie vor eingeschränkt sind.

Noch Hunderttausende in Kurzarbeit

Diese gute Entwicklung stimmt viele optimistisch. Aber immer noch sind Hunderttausende in Kurzarbeit. Die Zahl der Kurzarbeitenden steigt mit jedem Lockdown und sinkt wieder mit jeder Lockerung. Es ist quasi eine Achterbahnfahrt, denn Kurzarbeit ist in der Pandemie das arbeitsmarktpolitische Instrument, um ein Abrutschen in eine schwere Krise zu verhindern.

Das war schon während der Finanzkrise 2008 und 2009 so – aber verglichen mit dem Ausmaß der Kurzarbeit zu Beginn der Corona-Pandemie war die Finanzkrise ein regelrechter Kindergeburtstag. Im April 2020 verzeichnete die Bundesagentur für Arbeit (BA) mehr als acht Millionen Meldungen für Kurzarbeitende, eine gigantische Zahl. Man befürchtete eine nie dagewesene Krise.

5.995.430 Kurzarbeitende im April 2020 Quelle: Bundesagentur für Arbeit

Die blieb zum Glück aus, die Wirtschaft erholte sich rasch. Auch wurden längst nicht alle Kurzarbeit-Anzeigen realisiert, weil sich viele Branchen auf die Pandemielage schnell einstellen konnten. Die tatsächlichen Daten über das Ausmaß an Kurzarbeit liegen immer mit drei Monaten Verzögerung vor. So zeigte sich im Sommer 2020, dass die tatsächliche Höchstzahl an Kurzarbeitenden bei fast sechs Millionen und nicht bei über acht Millionen lag. Auch sinkt die Zahl seither im Schnitt – trotz kleinerer Zunahmen in der zweite, dritten, vierten und fünften Corona-Welle. Im November 2021 lagen der BA nur noch 146.790 Anzeigen für Kurzarbeit von Betrieben vor. Insgesamt waren im Oktober 2021, dem letzten Erhebungszeitraum für die realisierte Kurzarbeit, 709.974 Beschäftigte betroffen. Wenig ist das aber nicht.

Auch billig ist so viel Kurzarbeit nicht: 2020 und 2021 fielen allein für die Finanzierung des Kurzarbeitergeldes rund 24 Milliarden Euro an. Hinzu kamen weitere Ausgaben für Sozialleistungen und das pandemiebedingte Arbeitslosengeld – laut dem Finanzvorstand der Bundesbehörde, Christiane Schönfeld, lagen die Kosten bei insgesamt 52 Milliarden Euro. Bezahlt werden konnte das nur durch Zuschüsse des Bundes in Höhe von 24 Milliarden Euro. Denn die 26 Milliarden Euro Rücklage der BA waren schon nach wenigen Pandemiemonaten aufgebraucht.

52 Milliarden Euro Corona-Ausgaben der Bundesagentur für Arbeit für 2020 und 2021 Quelle: Bundesagentur für Arbeit

Zu den Verliererinnen und Verlierern gehören auch die Langzeitarbeitslosen. 2019 befand sich die Zahl der Menschen, die länger als ein Jahr ohne Job waren, mit rund 700.000 auf einem historischen Tiefstand. Corona änderte das: 2021 waren seit langer Zeit wieder mehr als eine Million Menschen dauerhaft ohne Job.

Schwer haben es auch die Ungelernten und Angelernten, die zwar erwerbstätig sind, aber meist nicht in einem sozialversicherungspflichtigen Job sondern als Minijobbende. Minijobs sind in den besonders von Corona betroffenen Branchen verbreitet – wie etwa im Tourismus, der Gastronomie und Hotellerie. Diese Jobs können besonders leicht abgebaut werden, daher waren es die Minijobbenden, die in der Pandemie als erstes rausgeworfen wurden.

Laut Zahlen der Bundesagentur für Arbeit gingen mindestens  550.000 Minijobs in der Pandemie verloren. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung Belin (DIW) schätzt, dass 850.000 Minijobbende – das wären zwölf Prozent der rund sieben Millionen – im Jahr 2020 arbeitslos wurden. Die Bertelsmann Stiftung spricht in einer Studie sogar von 870.000 Menschen. Im Vergleich dazu ging laut DIW die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung im ersten Corona-Jahr viel weniger zurück, um 0,2 Prozent, was sich auch mit den eingangs erwähnten Arbeitsmarktdaten deckt.

Mehr als 800.000 Menschen verloren ihren Minijob im Corona-Jahr 2020. Quelle: DIW-Schätzungen, Berechnungen im Auftrag der Bertelsmann Stiftung

Und heute? Mittlerweile ist die Zahl der Minijobs wieder auf Vorkrisenniveau: Weiterhin gehen rund sieben Millionen Menschen einer geringfügigen Beschäftigung nach. Es gibt dabei immer weniger Menschen, die ausschließlich im Minijob arbeiten, und mehr Menschen, die einen 450-Euro-Job nebenbei machen, wie das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in einem Sachverständigengutachten für den Bundestag festgestellt hat. Ob das eine gute Entwicklung ist? Das geht aus den Daten nicht hervor. Denn unklar ist, ob die Menschen mit Minijob im Nebenerwerb Personen wie Studierende sind, die sich etwas dazuverdienen, aber nicht dauerhaft auf diese Erwerbsform angewiesen sind. Oder ob es sich eher um Multijobber handelt, die im ersten Job einfach zu wenig verdienen und den Minijob zusätzlich brauchen.

Hinzukommt, dass auch Menschen im Niedriglohnsektor, wo immerhin jede und jeder fünfte Erwerbstätige arbeitet, in der Pandemie überdurchschnittlich häufig arbeitslos wurden. Laut dem Statistischen Bundesamt wurden auch gut 250.000 Niedriglohnjobs wegen Corona gestrichen

Dass vor allem jene unter den wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie leiden, die ohnehin schon wenig haben, verdeutlichen auch Daten aus der Erwerbspersonenbefragung der Hans-Böckler-Stiftung zu den Einkommensverlusten durch Corona. Die Studie zeigt, wie ungleich die Einbußen im ersten Corona-Jahr verteilt waren, denn nur ein Drittel der Erwerbstätigen in Deutschland hatte überhaupt Einbußen, überdurchschnittlich betroffen waren dabei Menschen mit geringem Einkommen.

Die Armen sind die Verlierer der Krise

So litt etwa mehr als drei Viertel der Beschäftigten in der Gastronomie finanziell – kein Wunder, Restaurants und Bars waren monatelang geschlossen und die Beschränkungen halten bis heute an. Wer kann, hat sich mittlerweile einen anderen Job gesucht, was wiederum den Fachkräftemangel in der Gastronomie vergrößert. Angesichts der Unsicherheit stellen viele Betriebe nun aber verstärkt Minijobbende ein – die lassen sich bei neuen Einschränkungen leichter wieder kündigen.

Auch unter den Erwerbstätigen ohne beruflichen Bildungsabschluss waren im ersten Jahr der Pandemie über 40 Prozent von finanziellen Verlusten betroffen, bei den Beschäftigten mit abgeschlossener Berufsausbildung waren es 32,2 Prozent, bei den Akademikerinnen und Akademikern hingegen nur 26,8 Prozent, wie die Daten des WSI zeigen. Ähnliches zeigt der Verteilungsbericht 2021 des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), wonach fast die Hälfte der Haushalte mit einem Nettoeinkommen von weniger als 900 Euro durch die Pandemie weniger Einkommen zur Verfügung hat.

64,1 Prozent der Soloselbständigen und Freiberuflichen verloren in der Pandemie erheblich an Einkommen.

Besonders betroffen waren und sind auch Freiberuflerinnen und Soloselbstständige. Fast zwei Drittel von ihnen verloren bis Ende 2020 spürbar Einkommen. Einige haben ihre Selbständigkeit sogar ganz aufgegeben, wie das DIW in einer Studie feststellt. Die Erhebung vom Sommer 2021 zeigt, dass vor allem selbständige Frauen ihre Unternehmung aufgegeben haben. Rund 80 Prozent der zu Beginn der Pandemie selbstständigen Männer waren auch 2021 noch selbständig, bei den Frauen traf dies nur auf etwa 68 Prozent zu. Einige haben zwar in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung gewechselt – viele weitere aber von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, Grundsicherung zu beziehen.

Apropos Grundsicherung: Sie war für viele Soloselbständige die einzige Wirtschaftshilfe, die es gab. Und angesichts der beschriebenen drastischen Einbußen für Menschen im Niedriglohnsektor und mit geringfügiger Beschäftigung hätte man erwarten können, dass die Zahl der Hartz-IV-Empfängerinnen und -Empfänger stark gestiegen sein müsste. Tatsächlich gab es in der Pandemie auch einen Anstieg, aber er fiel ebenfalls nicht so dramatisch aus, wie zunächst befürchtet. Im Februar 2020 gab es 3,7 Millionen erwerbsfähige Menschen, die Grundsicherung erhielten. Im Sommer 2020 stieg diese Zahl auf über vier Millionen an, sinkt seither aber wieder. Heute sind es wieder 3,7 Millionen Menschen und gegenüber Februar 2019 sogar eine Viertelmillionen Menschen weniger in der Grundsicherung. Insgesamt gelten 6,9 Prozent der in Deutschland lebenden Personen im erwerbsfähigen Alter als hilfebedürftig – so viele wie vor der Pandemie.

Corona hat auch dazu beigetragen, dass die Armutsquote in Deutschland mit 16,1 Prozent einen Höchststand erreicht hat. 13,4 Millionen Menschen gelten hierzulande als arm, Frauen und Kinder trifft es besonders oft. Laut dem Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung lebten im vergangenen Jahr 20,2 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland unter der Armutsgefährdungsschwelle. Die Armutsquote ist der Anteil von Personen an der Gesamtbevölkerung, deren Einkommen unterhalb der 60 Prozent des Durchschnittseinkommens liegt.

20,2 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind von Armut betroffen.

Und so zeigt auch der Gini-Koeffizient, dass die soziale Ungleichheit in Deutschland größer geworden ist. Der Koeffizient ist ein statistisches Maß, das zur Darstellung der Ungleichheit der Einkommensverteilung in einer Gesellschaft verwendet wird und zwischen 0 und 1 liegt, wobei 0 absolute Gleichheit und 1 absolute Ungleichheit bedeutet. In Deutschland lag dieses Maß viele Jahr lang zwischen 0,29 und maximal 0,31. Mit der Pandemie stieg der Gini-Koeffizient auf 0,34.

Die neue Bundesregierung will diese Entwicklung stoppen. Sie setzt auf eine Anhebung des Mindestlohns auf zwölf Euro, ebenso soll die Geringfügigkeitsgrenze bei Minijobs auf 520 Euro erhöht werden. Zudem hofft die Politik auch auf eine Erholung der Konjunktur. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) erwartet für 2022, dass die Wirtschaftsleistung erstmals wieder über dem Vorkrisenniveau liegen könnte – das würde den Arbeitsmarkt zusätzlich stärken. Fraglich ist jedoch, ob mehr Wachstum auch dazu beiträgt, die Spaltung auf dem Arbeitsmarkt zu beenden.