Kurz nach Beginn des Ukraine-Krieges flammte sie wieder auf: Die schon lange vor sich hin glimmende Debatte, ob die drei deutschen Atomkraftwerke Emsland, Isar und Neckarwestheim 2 länger laufen sollten als bis Ende 2022. Es ist keine neue Debatte, sondern eine, die von einer eigentlich sehr kleinen Gruppe von Atomanhängern immer wieder erfolgreich angefacht wird. Mit manchmal zweifelhaften Methoden.
Tatsächlich stellt sich die durchaus berechtigte Frage, ob nuklearer Strom Deutschland rasch aus der Abhängigkeit vom russischen Gas befreien kann. Inzwischen hat die Politik sie beantwortet: Das Thema sei, so sagt es ein Sprecher des Umweltministeriums von Steffi Lemke, "hinreichend geprüft und erklärt, mithin erledigt". Zusammen mit Wirtschaftsminister Robert Habeck kommt Lemke zu dem Ergebnis, dass eine Verlängerung der Laufzeiten "nur einen sehr begrenzten Beitrag zur Lösung des Problems leisten könnte und diese zu sehr hohen wirtschaftlichen Kosten und sicherheitstechnischen Risiken führt". Die drei verbleibenden AKW produzieren nur etwa sechs Prozent des Stroms in Deutschland – ein geringer Anteil, der relativ kurzfristig durch erneuerbare Energien ersetzt werden kann. Zudem wird das russische Gas vor allem zur Wärmeerzeugung genutzt und nicht zur Stromherstellung.
Zudem würde es noch schwerer, einen geeigneten Platz für jahrzehntelang produzierten Atommüll zu finden. Die Standortsuche für ein Endlager fußt schließlich auf dem Ausstieg aus der Atomkraft. "Eine Laufzeitverlängerung würde diesen Konsens gefährden und die Umsetzung der Endlagersuche stark erschweren", sagt der Geschäftsführer der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE), Steffen Kanitz, auf Anfrage von ZEIT ONLINE. "Deshalb gilt es, diesen Beschluss aufrechtzuerhalten."
PreussenElektra hält weiter an Atomkraft fest
Schon lange wollen die deutschen Kraftwerksbetreiber selbst nicht mehr in Atomenergie investieren, weil sie inzwischen um ein Vielfaches teurer ist als die erneuerbaren Energien. Selbst jetzt, im Ukraine-Krieg, sprechen sich die Betreiber ENBW und RWE gegen eine Verlängerung der Laufzeit aus, das "Thema ist erledigt", schreibt der eine, die Hürden für einen sinnvollen Betrieb seien zu hoch, schreibt der andere. Nur die E.ON-Tochter PreussenElektra möchte Isar 2 länger laufen lassen – und tat dies vor wenigen Tagen in einem Brief des Vereins kernd.de an Bundeskanzler Scholz kund, der sich irreführend als "Branchenverband Kerntechnik" in die Debatte einschaltete: Dem Verband gehört nur ein deutscher Betreiber, nämlich PreussenElektra, an.
Dass die Debatte trotzdem weiter vor sich hin zündelt, liegt an ausdauernden Atomanhängern wie dem wendigen CSU-Chef Markus Söder, aber auch an dem Pro-Atom-Verein Nuklearia. Es ist eine zahlenmäßig sehr kleine Bewegung, zu deren Demonstrationen meist nur eine Handvoll Leute erscheinen, aber sie hat eine sehr erfolgreiche Protagonistin: Anna Veronika Wendland, die Ende 2021 aus Nuklearia ausgetreten ist. Sie ist Deutschlands meist zitierte Stimme in der wieder aufgeflammten Atomkraftdebatte. Viele beschreiben sie als redegewandt, gedankenschnell und wortgewitzt. Ihre Plädoyers für eine längere AKW-Laufzeit zum Klimaschutz liefen in der taz und auch mal in der ZEIT, aktuell interviewten sie vom ZDF bis zum Spiegel viele bundesweite Medien. Sie hält Vorträge für den Stromkonzern E.ON (PreussenElektra), berät nach eigenen Aussagen das ZDF für eine Tschernobyl-Dokumentation. Hauptberuflich ist Wendland Historikerin am Herder-Institut für "historische Ostmitteleuropaforschung" in Marburg, einer Einrichtung innerhalb der bundesweit angesehenen Leibniz-Gemeinschaft.
Die Debatte über Atomkraft
anzufachen, gelingt Wendland allerdings, indem sie gezielt Grenzen
überschreitet, mit ihren Worten und ihrer Biografie. Dadurch erhält sie mehr
Aufmerksamkeit als Menschen, die schon immer für oder gegen Atomenergie eintraten.
"Interessantheit dominiert Relevanz", nannte diesen Effekt der
Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. Und eine Wandlungsgeschichte ist
interessant. Auch viele weitere Protagonisten von Nuklearia geben an, früher
gegen Atomkraft eingestellt gewesen zu sein, etwa ihr Gründer Rainer Klute oder
Johannes Güntert. Früher sei sie gegen Atomkraft auf die Straße gegangen, sagt auch
Wendland – heute stellt sie sich gerade deswegen als umso glaubwürdigere
"Kernkraft-Dissidentin" dar, wie sie der Spiegel nennt.
Die rationale Klimaschützerin gegen die Klimahysteriker – das ist das Bild, das Wendland gerne von sich zeichnet und zudem ein bekanntes Muster in der weltweiten Pro-Atom-Bewegung. In Großbritannien ist eine solche Grenzgängerin etwa Zion Lights. Die Enddreißigerin engagierte sich früher bei den Klimaaktivisten von Extinction Rebellion (XR) und gründete schließlich die Pro-Atom-NGO Emergency Reactor. Lights betont stets ihre Rolle als Pressesprecherin von XR, während die Bewegung diese Darstellung bestreitet. Auch in der Presselandschaft der Atommacht Frankreich werden solche Wandlungsgeschichten gerne erzählt. Lights wird mit dem Satz "Ein AKW zu schließen ist ein Verbrechen" zitiert, Atomkraftgegner setzt sie mit "Impfgegnern" gleich.
Das auflagenstärkste französische Politikmagazin Le Point wiederum widmete Wendland ein mehrseitiges Porträt als mutige Frau, die den Grünen nahestünde. Der Artikel endet mit einem Zitat von Wendland, nach dem viele Grüne ihre Pro-Atom-Haltung aus "Angst vor einem Ende ihrer Karriere" verschweigen würden.
Solche Zuschreibungen gehören zu Wendlands Repertoire. Für die Entscheidung der Regierung, die AKW nicht länger laufen zu lassen, erfand sie den Hashtag #glaubtIhnenkeinWort. Wendland, die Wissenschaftlerin, bezeichnete zahlreiche Forschende und Autoren, von der Ökonomin Maja Göpel bis zum Wissenschaftsjournalisten Harald Lesch, auf ihrem Twitter-Account wahlweise als "Heilpraktiker", "Klima-Alarmisten", "Ökofaschisten", "Klima-Quasselstrippen" oder "Mythen-Maschine".
Kurz nach Beginn des Ukraine-Krieges flammte sie wieder auf: Die schon lange vor sich hin glimmende Debatte, ob die drei deutschen Atomkraftwerke Emsland, Isar und Neckarwestheim 2 länger laufen sollten als bis Ende 2022. Es ist keine neue Debatte, sondern eine, die von einer eigentlich sehr kleinen Gruppe von Atomanhängern immer wieder erfolgreich angefacht wird. Mit manchmal zweifelhaften Methoden.
Tatsächlich stellt sich die durchaus berechtigte Frage, ob nuklearer Strom Deutschland rasch aus der Abhängigkeit vom russischen Gas befreien kann. Inzwischen hat die Politik sie beantwortet: Das Thema sei, so sagt es ein Sprecher des Umweltministeriums von Steffi Lemke, "hinreichend geprüft und erklärt, mithin erledigt". Zusammen mit Wirtschaftsminister Robert Habeck kommt Lemke zu dem Ergebnis, dass eine Verlängerung der Laufzeiten "nur einen sehr begrenzten Beitrag zur Lösung des Problems leisten könnte und diese zu sehr hohen wirtschaftlichen Kosten und sicherheitstechnischen Risiken führt". Die drei verbleibenden AKW produzieren nur etwa sechs Prozent des Stroms in Deutschland – ein geringer Anteil, der relativ kurzfristig durch erneuerbare Energien ersetzt werden kann. Zudem wird das russische Gas vor allem zur Wärmeerzeugung genutzt und nicht zur Stromherstellung.