Die Laderäume der Schiffe sind so gewaltig, dass eine Planierraupe mit einem Kran in den Bauch des Frachters hinabgelassen wird, um den Futtermais für die Verladung zurechtzuschieben. Es sind Berge an gelben Körnern, die per Schiff aus dem Ausland im niedersächsischen Brakel südlich von Bremerhaven ankommen und dann ausgeladen werden – so zumindest sieht man es in einem Werbevideo der Firma J. Müller, die den Hafen mit ihren riesigen Speicheranlagen betreibt. Doch viel sagen möchte das niedersächsische Unternehmen zu den aktuellen Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine nicht. Man müsse sich noch auf die Gegebenheiten anpassen, die Lage sei noch zu unklar, sagt eine Sprecherin.
Klar ist aber, dass durch den Krieg gerade Futtermais zum Problem für Deutschland und seine landwirtschaftlichen Betriebe wird. In den ersten Tagen des russischen Angriffs war bereits diskutiert worden, dass die Ukraine zu den weltweit größten Produzenten und Exporteuren von Getreidesorten und Ölen gehört. Vor allem Weizen wird in viele Teile der Welt ausgeführt, ebenso Sonnenblumenöl. UN-Generalsekretär António Guterres warnte davor, eine Unterbrechung der Ernte in der Ukraine könne "den weltweiten Hunger verstärken". Das Welternährungsprogramm kaufe mehr als die Hälfte seines Weizens aus dem Land.
Die Probleme der EU und Deutschlands dürften demgegenüber ungleich kleiner sein, dennoch wird sich dieser Krieg auch auf die landwirtschaftliche Produktion hierzulande auswirken – vor allem mit einer Konsequenz: Die Lebensmittelpreise werden weiter steigen. Das liegt weniger daran, dass kaum noch Weizen und anderes Getreide für die Brotherstellung aus der Ukraine verfügbar sind. "Auch wenn die Ukraine ein wichtiger Exporteur auf dem Weltmarkt ist, erwarten wir für die Versorgung in Deutschland keine gravierenden Folgen", teilt etwa der Verband der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft (VGMS) mit. Die deutschen Getreidemühlen verarbeiten zu 95 Prozent Getreide aus Deutschland.
Mais für Schweine- und Geflügelzucht
Anders jedoch sieht es in der Viehzucht aus, also in der Milch- und Fleischproduktion. Eines der wichtigsten Futtermittel für deutsche Landwirte ist Körnermais. Knapp sieben Millionen Tonnen wurden vergangenes Jahr davon benötigt, zeigen Daten der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung. Weit mehr als die Hälfte davon muss Deutschland aus anderen Ländern einführen, weil nicht genügend Anbauflächen für Futtermais vorhanden sind. Und hier spielt das Erzeugerland Ukraine eine überragende Rolle. Mehr als die Hälfte des importierten Futtermaises, der vor allem in der Schweine- und Geflügelzucht eingesetzt wird, kommt aus dem jetzigen Kriegsland.
Transportiert wird dieses sogenannte Massengut, wie die meisten anderen Getreidesorten auch, überwiegend auf Schiffen. Im Moment jedoch liegen nach Angaben des Deutschen Bauernverbands noch rund zehn Millionen Tonnen Weizen und etwa acht Millionen Tonnen Mais in den Schwarzmeerhäfen der Ukraine. Das entspricht in etwa einem Viertel der gesamten Jahresproduktion des Landes. Normalerweise würden große Teile davon in den kommenden Wochen auf dem Schiffsweg über das Mittelmeer und durch die Meeresenge von Gibraltar bis an die Nordseehäfen Deutschlands und der Niederlande gebracht. Aber davon kann keine Rede mehr sein. Odessa, der größte Hafen der Ukraine, liegt unter Beschuss. Und selbst an den russischen Schwarzmeerhäfen, die ebenfalls wichtig für den Getreideexport sind, laufen aufgrund des Kriegs keine Handelsschiffe aus.
Damit fällt nicht nur ein Teil der Ernte aus dem vorigen Jahr für den Weltmarkt aus, was noch zu verkraften wäre. Es wird vor allem in diesem Frühjahr kaum eine Aussaat auf den Äckern der Ukraine stattfinden. Der Niederländer Kees Huizinga etwa betreibt seit 20 Jahren einen großen Hof rund 200 Kilometer südlich von Kiew, bewirtschaftet dort etwa 15.000 Hektar Land, hat 2.000 Milchkühe und 450 Sauen. Vor einigen Tagen gab er agrarheute noch ein Interview ("Zum Glück können wir noch melken"). Als ZEIT ONLINE ihn am Freitag kurz erreicht, befindet er sich bereits auf dem Weg nach Europa, um von dort auch Spenden für Landwirte zu sammeln. Wie es mit seinem Betrieb weitergeht, ist unklar. Ein Teil der 400 Mitarbeiter kämpfe für die ukrainische Armee, hatte er noch vor einigen Tagen gesagt.
Mehr gentechnisch veränderter Mais
Vor allem im kommenden Jahr dürfte es also zu einem großen Mangel an diversen Getreidesorten auf dem Weltmarkt kommen, den einige Länder besser kompensieren können als andere. Abhängig von den Getreidelieferungen aus Russland und der Ukraine sind besonders Länder im Nahen Osten wie Ägypten oder der Libanon, aber auch andere Staaten gerade in Nordafrika. Im Libanon stamme die Hälfte des im Land verbrauchten Weizens aus Russland und der Ukraine, sagt Christiane Lambert, die Vorsitzende des europäischen Bauernverbands. "Für einige Länder werden die Preissteigerungen dramatischer sein als für uns. Da wird es Mangel geben."
Die Landwirte in Deutschland hingegen werden ihren Futtermais aus anderen Regionen der Welt beziehen müssen, zum Beispiel aus Südamerika und den USA. Doch nicht allein die Transportwege sind länger und deshalb teurer. Auch durch den erwarteten Mangel gehen bereits jetzt die Marktpreise hoch. Keine Frage: Letztlich werden wahrscheinlich auch die Fleischpreise steigen. Hinzu kommt, dass Mais aus Amerika häufig gentechnisch verändert ist, was viele Verbraucher in Deutschland nicht wünschen. Die Ukraine hat dagegen vor allem gentechnikfreien Mais exportiert, der ist nun auf dem Weltmarkt knapp. Die Agrarverbände drängen bereits den Handel dazu, ganz pragmatisch auf die neue Lage zu reagieren – und auf den Produktverpackungen den Hinweis zu entfernen, dass garantiert kein gentechnisch verändertes Tierfutter zum Einsatz kommt.