Rente ab 70 und 42 Stunden Wochenarbeitszeit – diesen Vorschlag verbreitete Gesamtmetall-Chef Stefan Wolf vor den anstehenden Tarifverhandlungen. Damit will er den Arbeitskräftemangel lindern und künftigen Belastungen der Sozial – und Rentenkassen vorbeugen. Die Maßnahmen werden jedoch kaum zu einer nachhaltigen Lösung des Problems beitragen, weil sie unrealistisch sind und an der Lebenswirklichkeit der meisten Menschen vorbei gehen.

Sehr viel sinnvoller dagegen wäre eine in der aktuellen Debatte häufig übersehene Maßnahme: eine strukturelle Stärkung der Erwerbstätigkeit von Frauen. Es ist an Politik, Unternehmen und Gesellschaft, die unzähligen Hürden für Frauen auf dem Arbeitsmarkt aus dem Weg zu räumen. Das würde nicht nur enormes wirtschaftliches Potenzial für Deutschland mobilisieren und die Sozialsysteme zukunftsfester machen, sondern auch mehr Freiheit und Chancengleichheit schaffen.

Die Zahlen und Fakten sind ernüchternd: Obwohl die Erwerbsquote von Frauen in Deutschland seit den Neunzigerjahren stetig gestiegen ist, arbeitet die Mehrheit der Frauen auch heute noch in Teilzeit. Nur etwa 35 Prozent der Frauen im erwerbstätigen Alter arbeiten in Vollzeit, im Vergleich zu fast 70 Prozent der Männer. Knapp 20 Prozent der Frauen sind beruflich inaktiv und suchen auch keine Beschäftigung. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt, dass dies nicht eine Generationenfrage ist, sondern dass dieses Schema auch heute für junge Frauen (geboren nach 1980) gilt.

Die Konsequenzen dieser Beschäftigungsstruktur sind dramatisch. So verdienen Frauen über ihr gesamtes Erwerbsleben zwischen 40 Prozent (Ostdeutschland) und 45 Prozent (Westdeutschland) weniger als Männer. Frauen erhalten durchschnittlich weniger als halb so viel Rente wie Männer. Sie haben ein deutlich höheres Armutsrisiko, auch weil 40 Prozent der Ehen geschieden werden. Da staatliche Leistungen nur einen geringen Teil dieser Verluste auffangen können, erfahren viele Frauen dadurch einen erheblichen Rückgang ihres Lebensstandards.

Viele Frauen wollen mehr arbeiten

Geringere Einkommen, Armut, und eine Abhängigkeit vom Sozialstaat sind mit einer hohen psychischen Belastung, weniger Lebenszufriedenheit und einer schlechteren Gesundheit verbunden. Somit entsteht nicht nur vielen Frauen selbst, sondern auch uns als Gesellschaft ein enormer Schaden.

Umfragen zeigen, dass dies nicht so sein muss und Frauen diese geringere Erwerbsbeteiligung nicht aktiv wählen. Vielmehr tragen wir als Gesellschaft eine erhebliche Verantwortung dafür. Viele erwerbstätige Frauen geben an, gerne mehr Stunden arbeiten zu wollen. Frauen, die inaktiv oder arbeitslos sind, würden gerne eine Beschäftigung aufnehmen. Sie klagen jedoch über viele Hürden, die es für sie wenig attraktiv oder gar unmöglich macht, zu arbeiten.

Die Hürden auf dem deutschen Arbeitsmarkt sind auch im internationalen Vergleich relativ zahlreich und dazu außergewöhnlich hoch. So sind Löhne und Arbeitseinkommen für Frauen häufig deutlich geringer als für Männer. Deutschland hat einen der größten Gender-Pay-Gaps (Unterschied im Stundenlohn zwischen Männern und Frauen) in Europa, was nicht nur mit dem hohen Teilzeitanteil von Frauen zu tun hat. Auch die vergleichsweise hohe Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt und die geringere Bezahlung von Berufen, die primär von Frauen geleistet werden, tragen zum Geschlechterunterschied bei den Stundenlöhnen bei.