Über eine Million Ukrainer und Ukrainerinnen sind seit Beginn des Krieges nach Deutschland gekommen – für viele fast unbemerkt. Anders als 2015 und 2016 hat die Zuwanderung das Land nicht gespalten und konnte von Populistinnen und Populisten – zumindest bisher – nicht missbraucht werden. Der Prozess der Integration der geflüchteten Menschen aus der Ukraine ist eine ungewöhnliche und beeindruckende Erfolgsgeschichte. Der wichtigste Grund dafür ist nicht die Herkunft, Hautfarbe, Religion oder Kultur der geflüchteten Menschen, sondern dass wir in Deutschland aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt haben und den Menschen eine wirkliche Chance geben, sich in unserem Land zu integrieren. So groß der Verlust dieser Menschen für die Ukraine ist, so groß ist das Glück dieser Zuwanderung für Deutschland, auch wirtschaftlich.
Eine aktuelle Studie des DIW Berlin, des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung und des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge zeigt ein bemerkenswertes Bild mit Blick auf die ukrainischen Geflüchteten: 80 Prozent der Erwachsenen sind Frauen, die Hälfte aller Frauen ist mit Kindern gekommen, die Schule oder Kinderbetreuung benötigen. Sie sind durchschnittlich deutlich jünger als die deutsche Bevölkerung. Eine Mehrheit möchte arbeiten, und immer mehr finden schon jetzt Arbeitsplätze. Die Fortschritte bei Sprachkenntnissen und sozialen Kontakten sind beachtlich. Und die große Mehrheit der Geflüchteten fühlt sich in Deutschland willkommen.
Deutschland trägt nicht die Hauptlast bei der Aufnahme von ukrainischen Geflüchteten in Europa, wie vereinzelt behauptet wird. Zwar ist die absolute Zahl der ukrainischen Geflüchteten in Deutschland die zweithöchste in der Europäischen Union (nach Polen, die bisher mehr als 1,5 Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer aufgenommen haben), relativ zur Bevölkerung liegt Deutschland jedoch eher im Mittelfeld: Die meisten Länder in Zentral- und Osteuropa und selbst Irland haben einen höheren Anteil, wie eine neue Studie des Internationalen Währungsfonds (IWF) zeigt.
Klare Zukunftsperspektive für die Geflüchteten
Wissenschaftliche Studien zeigen, dass drei Faktoren eine zentrale Rolle für die Integration von Menschen in einem neuen Land spielen: die Fähigkeit, Arbeit zu finden und für sich selbst zu sorgen, die Stärke von sozialen Kontakten und die Kenntnis der einheimischen Sprache. Auch wenn viele Ukrainerinnen und Ukrainer in der kurzen Zeit bisher noch nicht viel Deutsch lernen konnten, so ist der Fortschritt beeindruckend und vielversprechend. Und die oben genannte Studie mit DIW-Beteiligung zeigt eine hohe Motivation der Geflüchteten, in Deutschland zu arbeiten.
Was erklärt diesen bemerkenswerten Erfolg der Integration, der aus fast allen politischen Lagern anerkannt wird? Anders als von manchen behauptet, liegt der Erfolg nicht am Geschlecht – Frauen tun sich nicht per se leichter mit der Integration als Männer, zumal viele Ukrainerinnen mit minderjährigen Kindern kommen, die nicht selten traumatisiert sind und Hilfe benötigen. Der Erfolg einer Integration hat auch nichts mit der Hautfarbe oder Religion oder einer vermeintlich größeren kulturellen Nähe zu tun. Der wichtigste Unterschied, wieso sich Geflüchtete nach 2015 so viel schwerer mit der Integration getan haben als die Menschen aus der Ukraine heute, ist das Lernen der Institutionen hierzulande aus der Erfahrung und den Fehlern der Vergangenheit.
Die Grundlage für eine erfolgreiche Integration lag und liegt in einer anderen Willkommenskultur und einer klaren Zukunftsperspektive für die Geflüchteten. Sie werden schnell anerkannt, ohne Antrag, können arbeiten, haben Anspruch auf soziale Leistungen, inklusive Arbeitsberatung, und können ihre Kinder zur Schule oder in die Kita schicken. Die Arbeitssuche wird durch die bessere Anerkennung von Qualifikation erleichtert. Die meisten Geflüchteten aus der Ukraine leben nicht in Unterkünften für Geflüchtete – wie das bei so vielen Syrerinnen und Syrern nach 2015 häufig der Fall war –, sondern schon jetzt in privaten Wohnungen. So traumatisiert viele auch sind: Viele erhalten schnell die wichtigste Unterstützung und Möglichkeit, nämlich sich in Deutschland, zumindest temporär, ein neues Zuhause aufbauen zu können.
Großer Respekt für diese guten Voraussetzungen und die Veränderungen seit 2016 gebührt den Kommunen und Hunderttausenden von Freiwilligen, die alles Erdenkliche tun, um zu helfen und mit viel Flexibilität den geflüchteten Menschen die Integration zu ermöglichen. Sie erhalten dafür häufig zu wenig Anerkennung, die Kommunen zu wenig Geld von ihren Bundesländern und vom Bund. Bund und Länder müssen dringend die Kommunen besser ausstatten.