Große Strafverfahren sind immer auch eine Bühne, auf der unterschiedliche Wahrheiten dargeboten werden. Im Prozess gegen Verantwortliche des einstigen Skandalunternehmens Wirecard bedeutet das, dass der eine Angeklagte, der frühere Chef Markus Braun, sich als Opfer darstellt. Und der andere Angeklagte, der frühere Wirecard-Statthalter in Dubai, Oliver Bellenhaus, sich als einsichtigen Täter präsentiert. Während Braun behauptet, das Opfer eine Bande zu sein, zu der Oliver Bellenhaus und der flüchtige Jan Marsalek gehörten, entgegnet Bellenhaus, Braun sei der Chef der Bande gewesen – was die Staatsanwaltschaft wiederum ebenso sieht. Beide Männer kämpfen nicht nur um ihre Glaubwürdigkeit, sondern auch um ihre Existenz. Der eine kann den anderen lange ins Gefängnis bringen und sich selbst damit retten. So weit der Stand der Dinge am Montag, Tag drei eines Verfahrens, für das 100 Sitzungstage anberaumt sind, wenn es denn reicht.

Unstrittig ist immerhin, dass das einstige Wunderunternehmen Wirecard, das vor noch nicht so langer Zeit die Commerzbank aus dem Dax verdrängt hatte, anscheinend mit der Abwicklung von Kreditkartenzahlungen unfassbar viel Geld schöpfen konnte, im Juni 2020 pleiteging. Mehr als 20 Milliarden Euro an Marktwert wurden vernichtet, Verbindlichkeiten von mehr als drei Milliarden Euro wurden nicht mehr bedient. Opfer sind geprellte Investoren, Kreditgebende sowie die Mitarbeitenden, die ihren Job verloren.

Die beiden Angeklagten sitzen in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim in U-Haft, dort penibel voneinander abgeschirmt. Heute stehen sie sich im Gerichtssaal gegenüber und machen sich gegenseitig für das Desaster bei Wirecard verantwortlich. Gegenstand der Anklage sind Bandenbetrug, Marktmanipulation, Veruntreuung. Braun bestreitet die Vorwürfe vehement. Bellenhaus hat ein Geständnis abgelegt und kooperiert mit der Staatsanwaltschaft.

Gab es das Drittpartnergeschäft?

Auf der Sachebene geht es im Kern bei beiden um diese Frage: Das sogenannte Drittpartnergeschäft – bei dem Partnergesellschaften für Wirecard Zahlungen abgewickelt haben sollen – soll es nicht gegeben haben. 1,9 Milliarden Euro aus diesem Geschäft, die in der Bilanz aufgeführt waren und angeblich auf Treuhandkonten lagen, hat es nie gegeben, so die Staatsanwaltschaft. So Bellenhaus. So auch der Insolvenzverwalter. Unsinn, sagt Dierlamm, Brauns Verteidiger. Es gab das Geschäft. Die Staatsanwaltschaft hätten sich nur um Zahlungsströme daraus nicht gekümmert.

Gleich am Morgen will Brauns Verteidiger Dierlamm den Prozess aussetzen. In dem holzvertäfelten Gerichtssaal der Justizvollzugsanstalt Stadelheim, fünf Meter unter der Erde, erweitert Dierlamm einen Antrag, den er zuvor schon gestellt hatte: Weil die Staatsanwaltschaft zwei Jahre lang schlicht ignoriert habe, dass es Zahlungen gab, die dem Drittpartnergeschäft zuzuordnen seien, könne man so nicht weitermachen. Außerdem sei er kurz vor Prozessauftakt mit Akten und Unterlagen von der Staatsanwaltschaft "regelrecht überflutet" worden, sagt Brauns Verteidiger. 44.000 PDF-Seiten habe er kurz vorher bekommen, danach weitere 11.000 Seiten und 8.000 E-Mails. Darin enthalten seien Unterlagen zu Konten von Bellenhaus, den Dierlamm immerzu als den "angeblichen Kronzeugen" bezeichnet. Auch würde der Verteidiger von Braun gerne mehr darüber wissen, was das Ergebnis einer Hausdurchsuchung bei der Mutter von Bellenhaus gewesen sei. Dort seien drei Festplatten und ein Briefumschlag sichergestellt worden, das sei der Asservatenliste zu entnehmen. "Es hätte uns brennend interessiert, was Herr Bellenhaus für Festplatten in der Besenkammer seiner Mutter versteckt", sagt Dierlamm.

Bellenhaus, ein eher kleiner, schmächtiger Mann mit Glatze, der in Anzug und Krawatte neben seinem Verteidiger sitzt, zeigt keinerlei Rührung, wenngleich ihm der Ruf des Cholerikers vorauseilt. Die Staatsanwaltschaft erklärt, es stimme nicht, dass Brauns Verteidigung Ermittlungsergebnisse zu spät zur Verfügung gestellt worden seien, und dass es durchaus zumutbar sei, während der Hauptverhandlung Akten zu lesen. Als Dierlamm sagt, die Staatsanwaltschaft habe wichtige Zahlungsströme nicht ermittelt, kommt es kurz zum Wortgefecht mit Staatsanwältin Inga Lemmers. Sie argumentiert, der Verteidiger wolle, dass man Konten von Firmen durchforstet, die mit der Anklage nichts zu tun hätten. Er würde seine Argumente auf die vollkommen falschen Firmen stützen. Insofern seien die von ihm geforderten Ermittlungen zu weiteren Zahlungsströmen irrelevant.