DIE ZEIT: Lassen Sie uns mit einer kleinen Revolution in Italien anfangen, die in Deutschland kaum wahrgenommen wurde: Der Vorsitzende des Verwaltungsrates der Generali, der drittgrößten Versicherungsgesellschaft in Europa, musste zurücktreten nach einem von Ihnen angezettelten Aufstand im Verwaltungsrat.

Diego Della Valle: Nun ja, ich würde von der Person Geronzi absehen.

DIE ZEIT: Er war zarte 76 Jahre alt und eine der Symbolfiguren des italienischen Wirtschaftssystems: alt, einflussreich und aufs Engste mit der italienischen Regierung verbandelt.

Diego Della Valle: Es ist das System. Das System der langen Beziehungen, eine Welt der Selbstreferenzialität von Menschen, die sich kennen, die miteinander sprechen, sich treffen, und nach 30 oder 40 Jahren gibt es viele Beziehungen, oft auch sehr gute. Die Tatsache, dass Italien ein Land ist...

DIE ZEIT: ...das gerontokratisch ist...

Diego Della Valle: ...in dem die Staatskonzerne nicht vorausschauend genug waren, sich in ein internationales System zu transformieren. Gerontokratisch? Gut, ich habe ein bisschen dagegen polemisiert und von den kregelen Alten gesprochen, um eine bestimmte Welt zu beschreiben. Es geht mir aber nicht um das Alter der Menschen, sondern um eine "alte Art", wie man an die Dinge herangeht.

DIE ZEIT: Ein paar von den kreglen Alten sind allerdings wütend geworden...

Diego Della Valle: ...manche sogar sehr, und mein eigener Vater hat mich gefragt: Wen meinst du eigentlich damit? (lacht) Aber noch mal: Es geht mir nicht um Geronzi, sondern um eine Welt, die meiner Meinung nach ihren Endpunkt erreicht hat. In Italien ist ein Bewusstsein entstanden , dass es so nicht bleiben kann – und dass nur die arbeitende Zivilgesellschaft, die nicht in diese selbstbezogene Welt eingebunden ist, die Situation ändern kann.

DIE ZEIT: Und die kann unter Berlusconis Herrschaft etwas ausrichten?

Diego Della Valle: Sie muss! Wenn die Politik im heutigen Italien fähige Personen ausschließt und Visionen nur für das eigene Land entwickelt, ist sie international ziemlich bedeutungslos. Diese Art von Politik hat den Zug der Modernisierung Italiens verpasst. Man muss da 20 Jahre zurückgehen.

DIE ZEIT: Schuld daran ist nicht nur die Politik, auch die großen Unternehmen Italiens haben lange den Anschluss verpasst, sie wurden von einigen wenigen Familien beherrscht.

Diego Della Valle: Es waren weniger Familien – es war vielmehr ein Finanzsystem, das sich vor allem auf die Verwaltung weniger Unternehmen konzentriert hat, statt die exzellenten kleinen und mittleren Betriebe zu unterstützen. Sie hätten Direktiven gebraucht, nicht für die Produkte, das können sie selber, sondern Strategien für den globalen Markt. Heute zahlen wir den Preis für dieses Versäumnis.

DIE ZEIT: Wie sieht der Preis aus?

Diego Della Valle: Wir müssen sehr vorsichtig sein, denn für einige weltweit agierende Großkonzerne könnten wir leicht zur Beute werden, statt selbst zu räubern. Wenn wir jetzt noch etwas reparieren wollen, dann müssen wir die mittleren Betriebe dabei unterstützen, wenigstens in gewissem Maße am internationalen Markt zu partizipieren.

DIE ZEIT: Damit wir uns richtig verstehen: Zählen Sie sich mit 750 Millionen Euro Umsatz auch noch zu den mittelständischen Unternehmen?

Diego Della Valle: Nein, wenn Unternehmen in unserer Branche bedeutende Marken besitzen, können sie auf Mitspieler verzichten. Ich beziehe mich auf Firmen mittlerer Größe, das eigentliche Rückgrat des Landes. Sie sind auf Unterstützung durch einen praktisch orientierten, strategischen Plan angewiesen, einzig und allein, weil sie nicht groß genug sind, um alles allein zu schultern. Seit 30 Jahren ist zu oft von wenigen großen Unternehmen die Rede und zu wenigen von den Tausenden Mittelständlern. Schon vor langer Zeit hätte die Zivilgesellschaft sich dieser Tendenz entgegenstellen müssen.