Wieder schlechte Nachrichten für Sparer und die wackeligen europäischen Banken: Die Spirale billigen Geldes ist in eine neue Runde gegangen. Nach der Europäischen Zentralbank hat nun auch die US-Notenbank die Zinsen gesenkt. Am Mittwoch verkündete die Fed, ihren Leitzins um einen Viertelprozentpunkt zu senken.

Damit nehmen die Amerikaner den Ball auf, den ihnen Mario Draghi zugespielt hatte. Die Europäische Zentralbank hat vergangene Woche ihrerseits die Strafzinsen für Banken noch einmal von minus 0,4 Prozent auf minus 0,5 Prozent hochgedreht. Außerdem stellte der EZB-Präsident in Aussicht, demnächst den Aufkauf von Anleihen wieder aufnehmen zu wollen. Es war Draghis Abschiedssalve, bevor er Anfang November sein Amt abgibt. Nachfolgerin Christine Lagarde, die bisher die Chefin des Internationalen Währungsfonds war und ihre Nominierung dem EU-Ämterschacher verdankt, dürfte an dem vorgezeichneten Kurs nichts ändern.

Hinter den Zinssenkungen verbirgt sich ein weltweiter Währungskampf. Angesichts der immer deutlicher schwächelnden Konjunktur vor allem in Deutschland, dem EU-Wirtschaftsmotor, drehte Draghi erneut den Geldhahn auf. Das drückt den Eurokurs und macht europäische Waren und Dienstleistungen auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähiger. Und es treibt den US-Dollar nach oben – was Produkte made in USA teurer macht. Ein Zusammenhang, der US-Präsident Donald Trump nicht entgangen ist. Er muss fürchten, dass eine Eintrübung der Wirtschaft seine Chancen auf eine Wiederwahl im kommenden Herbst senken wird. Kein Wunder, dass er seinem Unmut über die seiner Meinung nach unfähigen US-Notenbanker heftig zum Ausdruck brachte. In einem Tweet etwa nannte er die Fed-Banker "Dummköpfe". Die Fed solle gefälligst die Zinsen auf null senken oder am besten gleich auch negative Zinsen einführen, verlangte er. Fed-Chef Jay Powell, den Trump selbst nominiert hat, erklärte prompt, auch in einer Krise nicht zu dieser Art Extremnotenbanking greifen zu wollen.

Der Handelsstreit hinterlässt Bremsspuren

Dennoch muss Powell versuchen, eine Rezession in den USA zu verhindern. Noch wächst die US-Wirtschaft, wenn auch langsamer. In den vergangenen drei Monaten lag das offizielle Wachstum bei zwei Prozent. Die Arbeitslosigkeit ist mit 3,7 Prozent immer noch auf einem historisch niedrigen Niveau. Aber der andauernde Handelsstreit mit China und anderen Nationen, den Trump mit der Einführung von Strafzöllen auf Stahl und Aluminium vor 18 Monaten startete, hinterlässt immer deutlichere Bremsspuren. So entschied sich die Fed beim Wettbewerb des billigen Geldes weiter mitzumachen.

Doch ganz wohl ist den Zentralbankern dabei offenbar nicht. Zwar stimmte die Mehrheit im Fed-Ausschuss für die Zinssenkung – sieben Mitglieder stimmten dafür. Doch drei der Fed-Oberen waren gegen den Zinsschritt, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen (James Bullard, der Präsident der Notenbank von St. Louis, wollte sogar eine Senkung um einen halben Prozentpunkt). Die Wall Street, die der lockeren Geldpolitik ihre jahrelange Rekordjagd verdankt, reagierte ebenfalls enttäuscht. Sie hofft auf noch eine weitere Zinssenkung vor dem Jahresende, um die Kurse weiter zu beflügeln.

Dabei wird die Wirkung der Zentralbankmaßnahmen immer fragwürdiger. Niedrige Zinsen sollen Unternehmen zum Investieren und Verbraucher zum Geldausgeben bewegen. Strafzinsen auf Erspartes sollen sie geradezu dazu zwingen. Doch entscheidender als Zinsen ist Zuversicht von Unternehmen, die an höhere Umsätze glauben, und Arbeitnehmern, die auf sichere Jobs oder vielleicht sogar auf eine Gehaltserhöhung vertrauen. Um diesen Optimismus zu wecken, bräuchte es politische Entscheidungen. Bedarf gäbe es genug. In Deutschland ist es etwa die ins Stocken geratene Energiewende, die Billionen an Investitionen bedeuten würde, aber auch Innovationen und neue Beschäftigung. Die USA stecken trotz Trumps Twitter-Erfolgsmeldungen schon seit Obamas Amtszeit im Reformstau. Nicht einmal die Gesundheitsreform war letztlich erfolgreich, geschweige denn eine Überholung des Bildungssektors oder eine Lösung der Einwanderungsgesetze. Keines dieser Probleme lässt sich durch Drehen an der Zinsschraube oder dem Aufkaufen immer neuer Wertpapiere lösen.

Und mit jedem neuen Akt von Zentralbankakrobatik wächst das Risiko eines Absturzes. Fast unbemerkt von den Medien blieb die jüngste Rettungsaktion der Fed nur wenige Stunden vor der Zinsentscheidung. Anfang der Woche drohte dem US-Geldmarkt eine Liquiditätskrise. Prompt pumpte die Fed über Nacht 75 Milliarden Dollar in diesen Markt. Denn wenn dieser Markt, über den sich Banken und Großkonzerne refinanzieren, zum Stillstand käme, käme das einem Infarkt des Finanzsystems gleich. Noch ist nicht klar, was den Engpass ausgelöst hat. Laut der Fed war es lediglich die Tatsache, dass viele Unternehmen kurzfristig Cash für ihre Steuerzahlungen auftreiben mussten und sich nicht genug Kreditgeber fanden. Doch skeptische Marktteilnehmer beruhigt das wenig. Das letzte Mal, als der Geldmarkt austrocknete, war nach dem Kollaps von Lehman Brothers. Es war ein entscheidender Faktor für die Wirtschaftskrise, die darauf folgte. Die Folgen sind bis heute spürbar. Es ist die Politik billigen Geldes, von der die Zentralbanken sich offenbar nicht mehr verabschieden können.