Innerhalb kurzer Zeit ist der Aktienkurs des angeschlagenen US-Unternehmens GameStop sprunghaft gestiegen. Auch andere schwächelnde Unternehmen verzeichnen plötzlich überraschende Kursgewinne. Kleinanlegerinnen und -anleger haben sich online abgesprochen, um die Kurse in die Höhe zu treiben. Was steckt hinter der Aktion und wie groß ist das Phänomen? Wir klären die wichtigsten Fragen:

Was ist passiert?

Kleinanlegerinnen und Kleinanleger haben unter anderem massenweise Aktien des US-Unternehmens GameStop gekauft und so den Kurs in die Höhe getrieben. Innerhalb von wenigen Wochen legte das Wertpapier um das 17-fache zu, statt, wie von Spekulanten erwartet, an Wert zu verlieren. Allein in dieser Woche haben die Anlegerinnen den GameStop-Kurs an der New Yorker Börse von 75 auf zeitweise 380 Dollar (rund 313 Euro) nach oben getrieben. Am Mittwoch verbuchte die Aktie einen Rekordgewinn von 135 Prozent.

Nach oben Link kopieren

Wer steckt hinter der Aktion?

Das Ziel der Anlegerinnen und Anleger ist offenbar, Hedgefonds zu schaden, die auf fallende Aktienkurse des schwächelnden Unternehmens gesetzt hatten. Das legen Absprachen in sozialen Netzwerken nahe. Vor allem auf der Onlineplattform Reddit haben sich Kleinanleger organisiert. In dem Unterforum WallStreetBets tauschen sich dort mehrere Millionen Mitglieder über Strategien im Kampf gegen die etablierten Börsenhändlerinnen aus.

Nach oben Link kopieren

Was treibt die Anleger an?

Gründer des Forums WallStreetBets ist Jaime Rogozinski. Er sieht die Aktion im Geist der kapitalismuskritischen Bewegung Occupy Wall Street, die im Jahr 2011 als Reaktion auf die Finanzkrise entstanden ist. Was den Aktivisten damals nicht gelungen sei, könnten er und seine Mitstreiterinnen nun mit anderen Mitteln erreichen, wird Rogozinski von der Nachrichtenagentur AFP zitiert. Occupy Wall Street habe das System verurteilt als "ein Spiel, das wir nicht mitspielen können". Die Gruppe WallStreetBets habe nun einen anderen Weg gefunden, um die Finanzakteure herauszufordern.

US-Medien gehen aber davon, dass auch das Engagement des Investors Ryan Cohen zur Entwicklung bei GameStop beigetragen hat. Der Finanzdienst Bloomberg verweist darauf, dass dieser bereits im August mit dem Kauf von Aktien begonnen habe und inzwischen der drittgrößte Aktionär des Unternehmens sei. Die Nachrichtenagentur vermutet, dass Cohens Vorgehen andere Anleger annimiert haben könnte, ebenfalls zu investieren.

Der Gründer des US-Elektroautoherstellers Tesla, Elon Musk, hat den Aktienkauf vermutlich zusätzlich angetrieben. Er postete auf Twitter einen Link zu dem WallStreetBets-Forum.

Nach oben Link kopieren

Warum ausgerechnet GameStop?

GameStop ist eine Einzelhandelskette für Computerspiele. In den vergangenen Jahren geriet das Geschäftsmodell des Unternehmens angesichts der zunehmenden Konkurrenz durch den Onlinehandel unter Druck. Somit wurde die Aktie für sogenannte Leerverkäufe interessant – zumindest bis zum dem Zeitpunkt, an dem sich Kleinanleger entschieden, verstärkt in die Aktie zu investieren.

Nach oben Link kopieren

Wie genau funktionieren Leerverkäufe?

Bei Leerverkäufen, auch als Short Selling bezeichnet, wetten Investorinnen auf fallende Kurse von Wertpapieren. Dabei leihen sie sich zunächst Aktien von anderen Anlegern, die sie zu einem späteren Zeitpunkt zurückgeben müssen. In der Zwischenzeit verkaufen sie die Wertpapiere am Markt. Sie gehen davon aus, dass der Kurs bis zum Rückgabetermin fällt und sie die Aktien dann billiger zurückkaufen können. Die Differenz zwischen diesem Kurs und dem höheren Verkaufspreis abzüglich der Gebühr streichen die Investorinnen – oft Hedgefonds – als Gewinn ein.

Nach oben Link kopieren

Wie reagieren die Hedgefonds?

Durch den unerwarteten Kursanstieg im Fall von GameStop gerieten die Shortseller unter Druck. Investorinnen sahen sich gezwungen, die Aktien zurückzukaufen, um ihre Verluste zu begrenzen – bevor der Rückkaufpreis der Aktien möglicherweise noch weiter steigt. Der Analysefirma S3 Partners zufolge summieren sich die seit Jahresbeginn aufgelaufenen Verluste allein aus Wetten auf einen Verfall der GameStop-Papiere auf fünf Milliarden Dollar (rund 4,13 Milliarden Euro).

Einen Großinvestor hat die Aktion offenbar besonders hart getroffen: Anfang der Woche wurde zunächst bekannt, dass der Hedgefonds Melvin Capital eine Finanzspritze von 2,75 Milliarden Dollar erhalten hat. Am Mittwoch räumte der Investor dann ein, seine Wetten auf einen fallenden GameStop-Kurs unter großen Verlusten komplett aufgelöst zu haben.

Nach oben Link kopieren

Wie groß ist das Phänomen?

Auch deutsche Unternehmen sind offenbar betroffen. Die Aktien des Biotech-Unternehmens Evotec und des Batterieherstellers Varta stiegen zuletzt ebenfalls überraschend stark. Anders als bei GameStop fielen ihre Aktienkurse aber wieder. Auch jüngste Kursgewinne des finnischen Netzwerkausrüsters Nokia, des britischen Fachverlags Pearson sowie der Kinoketten Cineworld und AMC lassen sich Aktienhändlerinnen zufolge auf einen gezielten Kaufansturm von Anlegern zurückführen.

Die US-Regierung hat die Entwicklung um GameStop offenbar im Blick. Die Situation werde von Wirtschaftsexperten in Weißen Haus und von Finanzministerin Janet Yellen beobachtet, sagte eine Sprecherin von US-Präsident Joe Biden. Die US-Senatorin Elizabeth Warren verlangte eine stärkere Regulierung der Finanzmärkte. Diejenigen Spekulanten, die sich nun bestürzt zeigten wegen der Vorgänge rund um die GameStop-Aktie, hätten die Börse seit Jahren "als ihr persönliches Casino betrachtet, während alle anderen den Preis zahlen mussten", kritisierte die ehemalige Bewerberin für die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten.

Mit Material von Reuters und AFP

Nach oben Link kopieren