Der alte Soldat steht straff hinter dem Rednerpult, geballte Kraft auch in der Stimme. Er trägt nun das blaue Tuch des Diplomaten, aus dem obersten Militär der Vereinigten Staaten ist ihr oberster Diplomat geworden.Wenn einer die Skeptiker überzeugen könnte, die in Europa wie jene in Amerika, dass ein Krieg gegen den Irak unvermeidlich ist, dass er gerechtfertigt wäre angesichts der finsteren Absichten und der zerstörungsträchtigen Arsenale Saddam Husseins, und dass er rücksichtsvoll geführt würde, um das geplagte irakische Volk nicht noch tiefer ins Unglück zu stürzen - dem Außenminister der Bush-Regierung wäre es am ehesten zuzutrauen. Aber ganz ist es auch Colin Powell am Sonntag beim Davoser Wirtschaftsforum nicht gelungen.Er sprach sanft, aber man merkte: Er trug einen dicken Knüppel mit sich. Seine Ansicht zum Irak und seinem Diktator ließ keine Zweifel aufkommen, dass es Ernst wird. Kernsätze seiner Rede:- Wir sind entschlossen, die Fortdauer der gegenwärtigen Situation nicht zuzulassen.- Die Sicherheitsrats-Resolution 1441 bürdet die Beweislast eindeutig dem Irak auf. Er muss genaue, ausführliche und vollständige Angaben über seine Massenvernichtungswaffen machen. Es ist nicht so, dass die Inspekteure irgendwelche rauchenden Revolver finden müssten. Vielmehr muss der Irak den Inspekteuren zeigen, wo diese Massenvernichtungswaffen zu finden sind... Es gibt indes nicht den geringsten Hinweis darauf, dass der Irak die strategische Entscheidung getroffen hätte, alles auf den Tisch zu legen.- Wir wissen immer noch nicht, wo die 30.000 Granaten geblieben sind, die chemische Substanzen verschießen können. Die Inspektoren haben nur 16 Stück gefunden. Was ist aus den drei Tonnen Material geworden, mit dem sich biologische Waffen herstellen lassen? Wo stecken die Vans, die nichts anderes sind als Bio-Laboratorien auf Rädern? Warum versucht der Irak immer noch, sich Uran zu beschaffen und dazu Spezialgeräte, mit denen sich daraus Atomwaffen entwickeln lassen?- Statt Abrütstung bekommen wir wieder nur die alte Taktik: Verstellung und Verschleppung; Versteckte Dokumente in Privathäusern; Verweigerung von Aufklärungsflügen; Behinderung der Inspektion.- Je länger wir warten, desto größer wird die größte Gefahr unseres Zeitalters: das Risiko, dass dieser Diktator mit klaren Verbindungen zu terroristiscchen Gruppen - einschließlich Al Kaida - Waffen oder Technologien an sie zum Gebrauch weitergibt.- Multilateralismus darf kein Vorwand fürs Nichtstun sein. Das irakische Regime sollte nicht im Zweifel sein: Wenn es nicht selber friedlich abrüstet, wird es am Ende abgerüstet werden.- Wir behalten uns weiterhin das souveräne Recht vor, militärisch gegen den Irak vorzugehen, allein oder in einer Koalition der Willigen.- Es eilt uns nicht mit einem abschließenden Urteil heute oder morgen, aber die Zeit läuft ab.Kein Wunder angesichts solcher Entschlossenheit, dass es kritische Nachfragen gab. Was wird getan, um im Kriegsfalle eine humanitäre Katastrophe zu verhindern? Steht Amerika in der Gefahr, sich zu sehr auf "hard power" und zu wenig auf "soft power" zu verlassen? Vor allen Dingen jedoch: Wo bleiben die Beweise? "Bevor wir einen hängen muss einer doch klare Beweise für dessen Untaten liefern!"Es wird kein Stevenson-Moment geben, erklärt Powell hinterher im privaten Gespräch. Die Dinge liegen anders als in der Kubakrise von 1962, als Adlai Stevenson die Sowjets mit einem Satz Luftaufnahmen vor aller Welt als Lügner entlarvte. Washington werde sich jedoch bemühen, so viel harte Evidenz wie möglich öffentlich zu präsentieren, nicht nur Schlussfolgerungen oder Behauptungen.Einmal gehen mit dem aufrechten alten General im blauen Tuch seine Gefühle durch: als er sich dagegen wehrt, Amerika sei auf Weltherrschaft aus und wolle deshalb Krieg um jeden Preis. "Für nichts von dem, was Amerika für die Welt getan hat, müsste ich mich entschuldigen oder schämen", bricht es aus ihm heraus. Er erinnert an die Rolle seines Landes bei der Befreiung Europas und Asiens von Tyrannei und Fremdherrschaft im Zweiten Weltkrieg: "Wir haben nichts dafür verlangt außer der Erde, in der wir unsere Toten begraben haben. Dann sind wir wieder nach Hause gegangen".Es fällt auf, dass Powell kein böses Wort zu Europa über die Lippen kommt. "Knieweich ", "kreuzlahm", "Old Europe" - derlei Herabsetzungen sind seine Sache nicht. In seiner Rede nannte er die Alte Welt einmal ausdrücklich "Europe, home of our closest friends and partners". Die Vereinigten Staaten seien bestrebt, eng mit Europa zusammen zuarbeiten: "Darauf können sie sich verlassen".Im kleinen Kreis spricht Powell offen über die transatlantischen Differenzen. Er unterstreicht jedoch: Diese Differenzen seien überbrückbar. "Europa und Amerika lassen sich nicht auseinanderdividieren."Rascher Aufbruch. Der Referent greift ein Klubsandwich für seinen Minister. Vor dem Hotel Belvedere wartet schon die Autokolonne zum Hubschrauber-Landeplatz, in Zürich lässt die Minister-Boeing die Triebwerke an.Colin Powell weiß, dass er eine Woche vor sich hat, in der Geschichte gemacht wird. Auswendig rasselt er die Termine herunter: Montag der Inspektionsbericht von Hans Blix ("I trust Hans Blix"); Dienstag die Botschaft des Präsidenten zur Lage der Nation; MITTWOCH Beratung im Sicherheitsrat; dann mehrere Tage Gespräche mit den Partnern und Verbündeten - die Außenminister tagen ebenfalls Montag und Dienstag. Powell weiß: "Und dann kommt der Augenblick der Entscheidung darüber, was der nächste Schritt sein wird."So vorsichtig er sich auch ausdrückt - nach zwei Stunden in der Nähe des amerikanischen Außenministers kann man sich kaum vorstellen, dass es nicht zum Krieg kommt. Lesen Sie hier die Rede von Colin Powell.