Eine Oase der Ruhe, eine Insel der Stabilität – bei seinem Besuch im Januar hat Bundesaußenminister Heiko Maas mal wieder das Klischee vom "Stabilitätsanker" Jordanien bemüht. Das kleine Königreich im Nahen Osten hat sich einen Ruf als verlässlicher Partner des Westens erarbeitet und ein Geschäftsmodell daraus entwickelt. An seiner Tragfähigkeit ist nicht nur das jordanische Königshaus interessiert. Sondern auch Deutschland, das in der Region strategische Interessen verfolgt. Sie sind der Bundesregierung viel Geld wert. Sehr viel Geld. Zu Recht?

Jordaniens Finanzministerium rechnet in diesem Jahr mit 807 Millionen Jordanischen Dinar (JD) ausländischer Hilfen, gut einer Milliarde Euro. Das sind knapp zehn Prozent des Gesamtbudgets. Tatsächlich fließt noch viel mehr Kapital ins Land, etwa an Stiftungen und Nichtregierungsorganisationen. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung widmete Jordanien 2019 rund 729 Millionen Euro, für humanitäre Hilfe, Bildungs-, Wasser- und Infrastrukturprojekte. Deutschland ist der zweitgrößte bilaterale Geber, nach den USA, die zuletzt 1,3 Milliarden Dollar nach Jordanien schickten; mehr US-Hilfen bekommen nur Israel und Ägypten.

Dieser Artikel stammt aus der WirtschaftsWoche

Keine Frage: "Jordaniens wichtigster Wirtschaftszweig sind die internationalen Hilfen", sagt Dirk Kunze, Leiter des Regionalbüros der Friedrich-Naumann-Stiftung für Nordafrika und den Mittleren Osten in Amman. Das Land verfügt über keine nennenswerten Bodenschätze, importiert 97 Prozent seines Energiebedarfs und zählt zu den wasserärmsten Staaten der Erde. Seine wichtigste Ressource, gekoppelt an das Stabilitätsversprechen, ist seine strategische Lage. Jordanien grenzt ans palästinensische Westjordanland und an Israel, dem es seit 1994 sicherheitspolitisch verbunden ist. In seiner Hauptstadt Amman unterhalten viele internationale Hilfsorganisationen ihr regionales Hauptquartier. Und ausländischen Armeen bietet Jordanien eine Basis: 3000 US-Truppen und 285 Bundeswehrsoldaten unterstützen von hier aus den multinationalen Kampf gegen die Terrororganisation "Islamischer Staat".

Seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien 2011 haben viele Staaten ihre Zahlungen erhöht. Offiziell sind 660.000 Flüchtlinge in Jordanien bei den Vereinten Nationen registriert, inoffiziell ist von anderthalb Millionen die Rede – eine schwere Belastung für einen Staat mit zehn Millionen Einwohnern. Zumal die meisten Syrer länger bleiben werden.

Anderthalb Millionen Flüchtlinge

An einem kühlen Januartag sitzt Sahel Abd Al-Rahmani Kahil, 55, auf einem niedrigen Sofa in ihrer Wohnung im Zentrum Ammans. Ihre dunkel geblümte Tunika lässt nur Gesicht und Hände frei; lächelnd serviert sie süßen, dickflüssigen Kaffee. Abd Al-Rahmani Kahil stammt aus der westsyrischen Stadt Homs, sie floh mit ihrem Mann, der Tochter und den drei Söhnen; ihr Mann starb kurz darauf an einem Herzleiden. Sie selbst ist an Brustkrebs erkrankt, der jordanische Ableger der Caritas hilft ihr, die Chemotherapie zu finanzieren. Ihr jüngerer Sohn arbeitet im Supermarkt, er verdient 200 Jordanische Dinar, inklusive Überstunden, gut 250 Euro. Das reicht gerade mal für die Miete.

"Die Flüchtlinge leiden heute mehr als zu Beginn der Krise", sagt der Direktor der jordanischen Caritas, Wael Suleiman. In den vergangenen drei Jahren habe Jordanien weniger als die Hälfte des Geldes erhalten, das es für die Versorgung der Flüchtlinge brauche; das Land bekomme die "Donor Fatigue" zu spüren, die Spendermüdigkeit. Dabei können die meisten Syrer nicht zurückkehren: Viele fürchten das Regime, etliche haben ihre Häuser verloren.

Auch Sahel Abd Al-Rahmani Kahil sieht ihre Zukunft in Amman: "Wir fühlen uns sicher hier. Die Menschen haben uns sehr freundlich aufgenommen." Eine Strategie für die Integration der Syrer gibt es bisher allerdings nicht: Zu unpopulär wäre wohl das Eingeständnis, dass die meisten bleiben werden. Und die Flüchtlingskrise bedroht nicht nur den sozialen Frieden des Landes. Sie überdehnt auch seine Infrastruktur und verschärft sein Schuldenproblem. Auf umgerechnet 38,5 Milliarden Euro belaufen sich die Verbindlichkeiten des Staates, 97 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat Jordanien ein Darlehen von 723 Millionen Dollar gewährt, im Gegenzug für Steuer- und Strukturreformen; die EU hat ein Darlehen in Höhe von 500 Millionen Euro zugesagt. Die Hilfen halten das Land kurzfristig über Wasser. Seine tiefer liegenden Probleme lösen sie nicht.