"Sell in May and go away" (verkaufe im Mai und verlasse den Markt), lautet der erste Teil einer beliebten Börsenregel. Der zweite, weniger bekannte geht so: "But don’t forget to come back on St. Legers Day" (vergesse nicht am St. Legers Tag zurück zu kommen).

Der St. Legers Day ist ein Pferderennen in Großbritannien, das jedes Jahr im September stattfindet. Es ist auch der Tag, von dem es heißt, er markiere den Startpunkt der Jahresendrallye an den Börsen. Es gibt Investoren, die blind auf die Regel vertrauen. Das Vertrauen dürfte in diesem Jahr besonders groß sein. Die Konjunktur gewinnt in Kraft, die Wirtschaftszahlen in Europa und den USA verbessern sich. Und selbst Fed-Chef Bernanke gab unlängst zu Protokoll, die Rezession sei abgehakt.

Dass solche einfachen Regeln jedoch ein schlechter Ratgeber sein können, zeigte sich im letzten Jahr. Wer im September gekauft und im Mai verkauft hat, verlor damals eine Menge Geld. Es kam aber noch ärger: Ab Mai stiegen die Kurse weiter. Viele Investoren aber waren da bereits aus Angst vor Verlusten ausgestiegen. Jetzt laufen sie Gefahr, wieder einen Fehler zu begehen, wenn sie den einfachen Handelsregeln vertrauen.

Was macht die Gefahr so groß? Vor allem die Gewissheit, die sich am Markt breit macht. Die fundamentalen Rahmendaten zeigen offensichtlich nach oben. Alle rechnen mit steigenden Kursen. Das versperrt den Blick auf die möglichen, nicht ganz so offensichtlichen Probleme.

Eines betrifft die Notenbankpolitik. Zwar geht derzeit noch niemand von einer Zinswende der Fed aus. Doch alleine die Ankündigung, dass die Zinsen bald womöglich wieder steigen könnten, dürfte heftige Turbulenzen verursachen. Zur Erinnerung: Als die Fed im Jahr 2004 das erste Mal begann, eine Zinserhöhung in den Raum zu stellen, würgte das den Markt ab. Das kann wieder geschehen.

Hinzu kommt, dass die Risikofreude vieler Anleger wieder zugenommen hat. Viele trauern, dass sie bei der letzten Aufwärtsbewegung nicht dabei waren. Die Erfahrung lehrt aber, dass eine solche Stimmungslage Investoren dazu verleitet, noch eine Weile zu warten und erst dann einzusteigen.

Ähnliches geschah im Frühjahr 2000, kurz vor dem Platzen der Dot-Com-Blase. Auch damals waren die Umsätze an den Aktienmärkten einige Monate lang gering. Erst kurz vor dem Ende der Rallye stiegen viele Investoren ein – und mussten dann erleben, wie ihre Portfolios drastisch an Wert verloren.

Auch heute werden viele in den Markt hinein gezogen. Mag sein, dass sie vor dem Ende der Bärenrallye den nächsten Fehler begehen. Wir bleiben skeptisch.