Was Derivate sind, wusste früher kaum jemand außer den Wall-Street-Insidern – bis sie die Welt in die tiefste Finanzkrise seit Jahrzehnten stürzten. Selbst Aufseher und Zentralbanker waren von den Billionensummen überrascht, die – fast völlig unreguliert – von einer Handvoll großer Institute um den Globus gejagt wurden. Von den Folgen der Implosion des Derivatemarkts hat sich die Weltwirtschaft noch nicht erholt, da baut sich schon die nächste bedrohliche Welle auf. Sie heißt High Frequency Trading, auch HFT genannt.

Der Name klingt harmlos. Hinter HFT verbirgt sich ein extrem schneller Aktienhandel: Dabei verkaufen Computer, gesteuert von Softwareprogrammen, bis zu 1000 Aktien innerhalb einer Sekunde. Die Maschinen sind auf Höchstgeschwindigkeit gertrimmt. Mit ihnen beherrschen die Computerhändler längst den Markt. Selbst Großanleger, die über Hunderte Milliarden verfügen, fühlen sich ihnen ausgeliefert wie Goldfische in einem Haifischbecken.

Die Mitspieler in dem Cybercasino? Es sind die gleichen, die schon an der Derivatekatastrophe beteiligt waren. Kritiker warnen vor Manipulation, und vor der Gefahr eines Dominoeffekts, der die gesamten Finanzmärkte erfassen könnte.

HFT hat nichts mit konventioneller Geldanlage zu tun. Die Computerhändler brauchen keine Aktienanalysten, brüten nicht über Produktchancen und sezieren auch keine Unternehmensbilanzen. Stattdessen lassen sie ihre Rechner die Orderströme an den Märkten durchkämmen, auf der Suche nach kleinsten Kursbewegungen. Aus ihnen generieren sie dann durch blitzartig erteilte Aufträge Millionenerträge. 

So funktioniert das Spiel: Wenn institutionelle Anleger wie Investmentfonds oder Pensionskassen einen größeren Kaufauftrag planen, teilen sie ihn in der Regel in kleinere Pakete auf. Erteilten sie den Auftrag auf einen Schlag, würde die geballte Nachfrage den Kurs nach oben treiben – und dadurch würden sie mehr für ihre Aktien zahlen müssen. Um das zu vermeiden und ihre Absicht zu verschleiern, teilen die Fonds in der Regel die Order in kleinere Pakete und über eine gewisse Kursspanne.

Die HFT-Händler wiederum versuchen, mithilfe ihrer Programmen diese Pakete zu orten und die wahre Größenordnung des Auftrags herauszufinden. Unter anderem erreichen sie das, indem sie für kurze Zeit einen eigenen Verkaufsauftrag ausgeben, nur um ihn Sekunden später wieder zu löschen. In der Regel hat der Großanleger inzwischen schon angebissen, die Spekulanten wissen, das Interesse besteht. Das so erworbene Wissen um den bevorstehenden Auftrag nutzen sie aus: In Höchstgeschwindigkeit decken sie sich mit der Aktie ein, treiben so den Kurs in die Höhe und verkaufen zum höheren Kurs an den Investmenfonds oder die Pensionskasse zu verkaufen. Die Differenz ist ihr Gewinn. An der Wall Street werden sie auch scalper genannt. 

Die Börsen, unter Wettbewerbsdruck durch immer neue unabhängige Handelsplattformen, machen mit. Sie locken die HFT-Händler sogar an, mit einem kleinen Bonusaufschlag pro Auftrag. Die Prämien der HFTs addieren sich zu stattlichen Summen. Damit nicht genug, bieten die Börsen den Blitzkunden darüber hinaus an, ihre potenten Maschinen direkt bei den Computern der Börse zu platzieren. Das gibt den Zockern noch schnelleren Zugriff auf das Handelsgeschehen.