Alle schauen auf die Aktienmärkte, und übersehen dabei, dass der Euro gegenüber dem Dollar stetig weiter zulegt. In der vergangenen Woche sprang die europäische Währung erstmals seit August 2008 wieder über die 1,50-Dollar-Marke. Ihr Aufschwung verlief nahezu parallel zum Anstieg der Aktienkurse: Sein vorübergehendes Tief hatte der Euro am 4. März diesen Jahres bei einem Kurs von knapp unter 1,25 Dollar. Seither steigt sein Wert stetig. Der erneute Boom der Aktienmärkte begann eine Woche später.

Wegen des starken Euro profitieren Anleger aus Euroland nur begrenzt vom Kursanstieg. Der S&P 500-Index beispielsweise kletterte seit seinem Tiefststand im Frühjahr um 62 Prozent in die Höhe - in Euro gerechnet betrug sein Gewinn aber nur 36 Prozent. Ähnlich steht es mit dem Goldpreis. Er stieg seit Jahresanfang in Dollar um 20 Prozent, in Euro nur um 11 Prozent. Der Preis für Rohöl liegt, in Dollar gerechnet, 75 Prozent über seinem Tiefstkurs und 40 Prozent höher als zu Jahresbeginn. In Euro stieg er nur um 31 Prozent, entsprechend wenig verteuerte sich das Benzin.

Fazit: Egal, ob Rohöl oder Aktien, Importwaren werden durch einen starken Euro billiger. Exporte hingegen verteuern sich, worunter vor allem Volkswirtschaften wie die deutsche oder chinesische leiden. Oder, wie ein ehemaliger amerikanischer Finanzminister einst formulierte: "Der Dollar ist unsere Währung, aber euer Problem." Heutzutage sind die Finanzpolitiker nicht mehr so offen in ihren Äußerungen.

Der Einfluss der Politik auf die Wechselkurse bleibt ohnehin begrenzt. Sie bilden sich an den Märkten und werden bestimmt von Erwartungen über die Entwicklung von Zinsdifferenzen oder der Konjunktur. Während der Finanzkrise beispielsweise legte der Dollar vor allem aufgrund der Aussicht zu, dass sich Amerika den Verwerfungen aggressiver entgegenstellen werde als die Europäer.

Auch internationale Kapitalströme haben ihre Auswirkungen. Ebenfalls in der Krise holten die USA einen Teil ihrer Auslandsanlagen ins Land zurück. Dazu benötigten sie Dollars. Die Nachfrage nach der Devise stieg, sie gewann an Wert.

Gerade diese Kapitalströme können aber auch zu einem großen Problem werden. Da die USA international stark verschuldet sind, findet sich ein sehr großer Anteil ihrer Anleihen als Anlagen in den Währungsreserven Chinas, Japans und der anderen asiatischen oder der ölexportierenden Länder wieder. Sollten die Zentralbanken dieser Länder ihre Dollars auf den Markt werfen, etwa weil sie zu der Einstellung gelangen, dass das amerikanische Finanzsystem doch nicht so gut da stehe, wie es die Bilanzdaten zu zeigen scheinen, können heftigste Verwerfungen die Folge sein.

Noch gibt es aber keine Alternative zum Dollar als internationaler Leitwährung. Eine neue lässt sich kaum per Dekret schaffen. Allenfalls der Euro böte den Marktakteuren ausreichend Anlagemöglichkeiten, doch auch er wird aus eigener Kraft nicht zur Leitwährung aufsteigen. Wir werden noch einige Zeit mit dem gegenwärtigen Währungssystem leben müssen.

Conrad Mattern ist Vorstand der Conquest Investment Advisory AG und Lehrbeauftragter an der Ludwig-Maximilians-Universität, München. Auf ZEIT ONLINE beleuchtet er immer zum Wochenbeginn die aktuelle Entwicklung an den Finanzmärkten.