Wenn jeder das Gleiche denkt, denkt jeder das Falsche. Das ist einer der Kernsätze der so genannten Contrarian-Theorie, die Humphrey Neill erstmals Anfang der zwanziger Jahre in dem Buch "The Art of Contrary Thinking" aufbrachte. Wenn sich Massenmedien auf ein Thema einschießen oder eine politische Ansicht besonders populär ist, lohnt es sich über das Gegenteil nachzudenken, meinte Neill.

Auch an den Finanzmärkten fährt oft besser, wer auf Neills Ratschlag hört. Als im Frühjahr 2000 allerorten zum Kauf von Aktien geraten wurde, war es klug, sich aus dem Markt zu verabschieden. Ähnlich war es im März dieses Jahres, als die Aktienmärkte in den freien Fall überzugehen schienen. Es kam anders: Wer damals gegen den Strom schwamm und Aktien kaufte, kann heute oft Gewinne verbuchen.

Erfahrungen wie diese haben die Theorie der "Gegenteiligen Meinung" unter Anlegern populär gemacht. In den USA und in Euroland gibt es heute unzählige Stimmungsindikatoren, die messen, was die breite Masse, aber auch Fondsmanager, institutionelle Investoren und Volkswirte denken und erwarten. Deuten die Umfragen in eine ähnliche Richtung, ist es für Anleger relativ risikolos, auf die gegenläufige Marktbewegung zu setzen.

Das Problem ist nur, dass es diese einheitliche Markterwartung im Moment nicht gibt. Wie entwickeln sich die Kurse bis zum Jahresende und in den kommenden zwölf Monaten? Die Ansichten darüber gehen so weit auseinander wie schon lange nicht mehr.

Die einen glauben, dass die Aufwärtsbewegung bald endet. Sie rechnen damit, dass die Kurse wieder auf den Tiefstand vom März dieses Jahres fallen könnten, womöglich sogar noch tiefer. Die anderen erwarten, dass DAX und Dow Jones in diesem Jahr auf ein Allzeithoch springen werden.

Wer immer auch recht behalten wird: Die Uneinigkeit birgt die Gefahr, dass es schnell und ohne ein einschneidendes Ereignis bergauf oder bergab geht. Der Grund hierfür sind die Wechselinvestoren, die ihre Entscheidungen ohnehin zittrig treffen und nur darauf warten, ihre Positionen zu schließen oder in ein Gegenteil zu verkehren. Geht es etwa bergauf, sind diese Anleger erfreut, aber sobald sich die Lage eintrübt und erste Verluste anstehen, springen sie auf den scheinbar fahrenden Zug auf. Die heftigen Kursbewegungen der vergangenen Tage waren da schon mal ein Vorgeschmack.

In solch einer Situation können die Kurse heftig nach oben und unten ausschlagen. Die fundamentalen Daten deuten eher auf eine Abwärtsbewegung hin. Andererseits haben die Märkte immer wieder gezeigt, dass sie auch fundamentalen Bedenken zum Trotz steigen können. Kommt es dann zu Euphorie, hätten wir schon bald wieder eine einheitliche Marktmeinung. Wie immer es auch kommen mag: Die Märkte werden unruhig bleiben, das Auf und Ab wird zunehmen. Unsichere Zeiten.

Conrad Mattern ist Vorstand der Conquest Investment Advisory AG und Lehrbeauftragter an der Ludwig-Maximilians-Universität, München. Auf ZEIT ONLINE beleuchtet er immer zum Wochenbeginn die aktuelle Entwicklung an den Finanzmärkten.