US-Präsident Obama hat der Bankindustrie den Kampf angesagt. Anderes lässt sich aus den Vorschlägen nicht schließen, die er Donnerstagabend in Washington verkündete. Die zentralen Punkte: Die Institute dürfen keinen Eigenhandel mehr betreiben und sich nicht mehr an Hedgefonds oder Private-Equity-Fonds beteiligen. Zudem soll ihre Größe begrenzt werden, um künftig zu verhindern, dass die Schwierigkeiten einzelner Institute das gesamte Finanzsystem bedrohen.

Das ist mutig. "Während unser Finanzsystem heute weitaus robuster ist als vor einem Jahr, operiert es doch noch immer unter den Regeln, die beinahe zu seinem Kollaps geführt haben", sagte Obama in seiner Rede. Das würde sich durch die neuen Vorschriften ändern. Doch der Präsident weiß, dass die Bankenindustrie alles daran setzen wird, die Umsetzung seiner Vorschläge weitestmöglich abzuschwächen, um die größten Gefahren für ihr Geschäftmodell zu beseitigen.

Der US-Präsident setzt die Banken öffentlich unter Druck - und nimmt ihre Spenden gerne entgegen. Klicken Sie auf das Bild, um mehr zu lesen! © Jim Watson/​AFP/​Getty Images

Das ließ sich gestern direkt nach seiner Rede schon beobachten. Barney Frank, der Vorsitzende des Finanzausschusses im Repräsentantenhaus, deutete an, dass die Vorschläge innerhalb der nächsten fünf Jahre umgesetzt werden könnten. Fünf Jahre – in dieser Zeit sind zuletzt durchschnittlich eineinhalb Krisen an den Märkten entstanden. Die Lobbymacht lässt grüßen.

Dass Obamas Pläne so drastisch ausgefallen sind, ist kein Wunder. Schließlich hat Paul Volcker sie ausgearbeitet, der ehemalige Fed-Präsident, der Ende der 1970er-Jahre schon einmal zur Bekämpfung der Inflation hart durchgegriffen hat und das Land in zwei tiefe Rezessionen führte. Doch er schaffte es, die Inflation einzudämmen. Wenn Volcker ein Ziel hat, verfolgt er es konsequent. Probleme, die dadurch entstehen, nimmt er in Kauf.

Seine Vorschläge sind nicht einmal wirklich neu. Die Trennung zwischen Kundengeschäft und Investmentbanking, die sich durch sie abzeichnet, gab es schon einmal. Sie wurde als Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise eingeführt und erst 1999 aufgehoben – von Volckers Nachfolger Greenspan, der in der aktuellen Krisenbewältigung bislang eine auffällig kleine bis gar keine Rolle spielt. Seit Greenspan die Trennung der Geschäftsbereiche aufhob, gab es mindestens zwei große Finanzmarktblasen mit dem darauf folgenden Crash. Nicht alle ihre Ursachen sind auf die Gesetzeslockerung zurückzuführen, doch sie hat die Entwicklung zumindest begünstigt. 

Der Präsident lässt den gefährlichen Bankkonzern von der Leine. Klicken Sie auf das Bild, um mehr zu lesen! © Mario Tama/​Getty Images

Zum Teil haben die Banken sich den Angriff auf ihr Geschäftsmodell auch selbst zuzuschreiben. Wer riesige Summen an Staatshilfen in Anspruch nimmt, die Kreditvergabe an Haushalte und Unternehmen einschränkt, aber gleichzeitig mehr als 140 Milliarden Dollar an Boni auszahlt, hat nicht verstanden, dass sich die Zeiten geändert haben. Da hilft es auch nichts, dass Goldman Sachs gerade bekannt gab, für das abgelaufene Geschäftsjahr die Boni so gering halten zu wollen wie lange nicht mehr, und das trotz des ausgewiesenen Rekordgewinns. Die von Obama erst vor wenigen Tagen angekündigte Strafsteuer für die Banken in Höhe von 90 Milliarden Dollar war wohl das erste Anzeichen dafür, wie groß die Verärgerung der US-Regierung ist. Jetzt hat sie nachgelegt.

Während die direkten Folgen der Vorschläge, sollten sie in der Form umgesetzt werden, offensichtlich sind, gibt es noch weitere Folgen, die sich erst im Zeitablauf zeigen werden. Sollten die Banken nicht mehr mit eigenem Geld an den Finanzmärkten aktiv werden dürfen, fällt ein in den vergangenen Jahren immer wichtiger gewordener Marktteilnehmer weg. Dadurch nimmt die Marktliquidität ab. Sinkende Liquidität führt aber in der Regel zu größeren Kursschwankungen, da eine zunehmende Nachfrage oder ein plötzlicher Abgabedruck von nur noch wenigen Marktteilnehmern absorbiert werden kann. Die Kursausschläge werden größer.

Kurzfristig dürften die Kurse vor allem nach unten hin ausschlagen. Banktitel haben als Folge der Obama-Vorschläge sofort besonders stark verloren, die Kurse der anderen Aktien wanderten gleichsam solidarisch mit nach unten. Das wird sich wohl fortsetzen. Denn das zentrale Element des Börsenaufschwungs und das Hauptargument dafür, dass die Kurse auch künftig weiter steigen müssten, war die Liquidität. Sinkt diese plötzlich, sind auch alle liquiditätsbasierten Hoffnungen erst einmal dahin. Das nennt man dann wohl Kollateralschäden. Auf lange Sicht sind sie aber in Kauf zu nehmen, um die Wahrscheinlichkeit neuer Kursblasen zu verringern.

Conrad Mattern ist Vorstand der Conquest Investment Advisory AG und Lehrbeauftragter an der Ludwig-Maximilians-Universität, München. Sein besonderes Interesse gilt der Psychologie der Märkte. Auf ZEIT ONLINE beleuchtet er in unregelmäßigen Abständen die aktuelle Entwicklung an den Finanzmärkten