Der erste Schritt ist getan: Die amerikanische Notenbank Federal Reserve (Fed) hat ihren Diskontsatz erhöht. Zugleich haben die Hüter des Dollar alles getan, um die Öffentlichkeit zu überzeugen, dass ihrer Entscheidung nur eine relativ geringe Bedeutung beizumessen sei: Ihre Einschätzung des fundamentalen konjunkturellen Umfelds habe sich nicht geändert, teilten die Notenbanker mit. Auch sei die Erhöhung nicht als geldpolitische Wende zu verstehen. Schließlich gehe man davon aus, dass Haushalte oder Unternehmen durch den höheren Diskontsatz nicht zusätzlich belastet würden.

Ob letzteres zutrifft, hängt von der Reaktion der Geschäftsbanken ab. Sie schwimmen derzeit in Geld: Auf den Konten der Notenbank haben sie etwa eine Billion Dollar geparkt und die bisherige Unterstützung durch einen besonders niedrigen Diskontsatz eigentlich nicht mehr nötig. Doch man sollte nicht annehmen, dass sie eine Gelegenheit, höhere Kosten an ihre Kunden weiterzugeben, ungenutzt verstreichen lassen.

Die Finanzmärkte reagierten sofort auf die Entscheidung der Fed, am stärksten die Währungen. Während der Euro im Laufe des Donnerstags noch bei rund 1,3650 Dollar notierte, fiel er am Freitag zeitweilig auf unter 1,3450 Dollar. Das war zu erwarten, denn steigende Zinsen machen die Geldanlage in der betroffenen Währung attraktiver.

Zudem steht der Kurs des Dollar unter dem Einfluss einer weiteren Kraft: Da die Fed die Liquidität bisher zu einem Zinssatz von nahezu Null zur Verfügung gestellt hat, haben sich viele Investoren im Dollar verschuldet, um die aufgenommenen Summen zu einem höheren Zinssatz in einer anderen Währung anzulegen (Carry Trades).

Zahlungsströme aufgrund von Carry Trades reagieren aber äußerst sensibel auf Zinsänderungen. Sobald Carry Trader auch nur erste Anzeichen bemerken, dass die Erwartung des Marktes hinsichtlich der Zinsen sich verändern, versuchen sie alle auf einmal, ihre Positionen aufzulösen. Sie müssen ihre Dollarkredite reduzieren und zu diesem Zweck Dollar kaufen – das treibt dessen Kurs innerhalb kürzester Zeit in die Höhe. Weil Wechselkursschwankungen die Erträge der Carry Trader innerhalb weniger Tage mehr als aufzehren können, und die Anleger versuchen, ihre Verluste aus dem Dollar-Anstieg zu minimieren, verstärkt die Kursbewegung sich selbst.

Vor der Finanzmarktkrise betrug der Unterschied zwischen dem geldpolitischen Instrument der Fed Funds und dem Diskontsatz regelmäßig 100 Basispunkte. Aktuell liegt er, trotz der Anhebung des Diskontsatzes, immer noch bei rund 50 Basispunkten. Eine weitere Normalisierung des Umfelds lässt also in den kommenden Monaten weitere Diskontsatzerhöhungen erwarten, was dann auch die amerikanischen Zinsen wieder attraktiv erscheinen lässt. Das wird die amerikanische Währung weiterhin stützen. 

An den Aktienmärkten ist das mittelfristige Bild dagegen weniger klar. Einerseits stützen die sich verbessernden Rahmenbedingungen, die von der Fed als Begründung für den Zinsanstieg herangezogen wurde, die Kurse. Andererseits dürfte aber vor allem der Bankensektor leiden, denn die Anhebung des Diskontsatzes trifft in erster Linie die Finanzierungsbedingungen der Banken und schmälert ihre Gewinnchancen: Sie müssen künftig für liquide Mittel einen höheren Zins zahlen.

Solange die Fed die Zinsanhebung nur als Rückkehr zu einem normalen Umfeld ansieht und die Anleger ihr das auch glauben, sollte der Effekt der Zinsanhebung auf die Aktien begrenzt bleiben. Falls das Manöver der Notenbanker irgendwann aber doch als erster Schritt hin zu einer strafferen Geldpolitik angesehen wird, dürften die Kurse ins Straucheln geraten, wie in der Vergangenheit fast immer geschehen. 

Conrad Mattern ist Vorstand der Conquest Investment Advisory AG und Lehrbeauftragter an der Ludwig-Maximilians-Universität, München. Sein besonderes Interesse gilt der Psychologie der Märkte. Auf ZEIT ONLINE beleuchtet er in unregelmäßigen Abständen die aktuelle Entwicklung an den Finanzmärkten.