Es ist ein Drahtseilakt. Griechenland steckt immer noch in einer Rezession. Kürzt die Regierung jetzt die Staatsausgaben im vorgesehenen Ausmaß, verstärkt das zunächst einmal die wirtschaftliche Schwäche des Landes. Auch die Steuereinnahmen werden sinken, was die öffentlichen Haushalte zusätzlich belastet. Dennoch: Den Griechen bleibt nichts anderes übrig. Sie müssen beweisen, dass sie in der Lage sind, die finanzpolitische Wende zu schaffen.

Griechenland braucht Kredit – wie nahezu jeder Staat der Welt. Doch die Anleger sind nur noch gegen die Zahlung hoher Zinsen bereit, dem Land ihr Geld anzuvertrauen. Gibt Griechenland Staatsanleihen mit zwei Jahren Laufzeit heraus, muss es den Investoren derzeit rund 5,5 Prozentpunkte mehr zahlen, als es der deutsche Staat tut. Das ist ein enorm hoher Risikozuschlag.

Für den griechischen Finanzminister Giorgos Papakonstantinou bedeutet das: Er hat es noch schwerer als ohnehin, den Haushalt in den Griff zu bekommen. Zugleich aber steigt der Druck, es doch zu schaffen, selbst wenn das Ziel nur unter hohen Kosten zu erreichen ist. Gelingt das Vorhaben nicht, könnte im schlimmsten Fall ein Staatsbankrott die Folge sein.

An der ganzen Misere trügen Spekulanten die Schuld, sagt Regierungschef Giorgios Papandreou. "Was wir in den letzten Monaten gesehen haben, ist eine Attacke auf die Eurozone", verkündete er beispielsweise auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Doch die Zurückhaltung der Anleger ist wohlbegründet, zu oft hat Griechenland das Vertrauen der Investoren schon enttäuscht. "EU stellt Griechenland unter finanzpolitische Kuratel" – das meldeten die Agenturen nicht nur am vergangenen Mittwoch, sondern schon fünf Jahre zuvor, im Februar 2005. Gebracht hat die damalige Intervention ganz offensichtlich nichts. Jetzt bestrafen die Finanzmärkte das schlechte Verhalten der Griechen in der Vergangenheit.

Der große innenpolitische Druck, unter dem Papandreous Regierung steht, verstärkt die Skepsis noch. In Absprache mit Brüssel verfügte der Sozialist Steuererhöhungen, eine harte Hand gegen Steuersünder sowie einen Einstellungsstopp und Lohnkürzungen im öffentlichen Dienst. Doch weil der Staat der größte Arbeitgeber des Landes ist, ruft das Sparprogramm heftige Proteste hervor. Am Donnerstag und Freitag traten Beamte in den Warnstreik, für den 10. und 24. Februar haben die beiden größten Gewerkschaftsverbände des Landes ebenfalls zu Warnstreiks aufgerufen. "Unsere Netto-Gehälter werden zwischen 6 und 25 Prozent gekürzt, wenn dieses Programm in die Tat umgesetzt wird", sagte der Präsident der Gewerkschaft der Staatsbediensteten Spyros Papaspyros im Fernsehen. Das könne "niemand ertragen".

Doch harte Einschnitte könnten notwendig sein, gerade auf kurze Sicht, um den Finanzmärkten Handlungsfähigkeit zu signalisieren. An den Börsen wächst die Angst, eine Schuldenkrise im Euroraum könne den globalen Abschwung verstärken. Die Investoren fürchten, dass Griechenland die Wende nicht schafft und andere Euroländer mit ins Elend zieht. Die Risikogruppe, nach ihren Anfangsbuchstaben PIGS genannt (Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien), schaffte es am Freitag sogar auf die Titelseite der New York Times.

Die Angst vor den PIGS ließ am Donnerstag und Freitag weltweit die Kurse fallen. Der Preis des Euro, in Dollar gemessen, sank zwischenzeitlich auf den tiefsten Stand seit sieben Monaten, Aktien- und Rohstoffkurse gaben ebenfalls nach. Die Brüsseler Institutionen gaben derweil ihr Bestes, um die scheuen Anleger zu beruhigen. Am Freitag gab die Europäische Kommission bekannt, dass sie die Staatsfinanzen Portugals, Spaniens und Ungarns ebenfalls "sehr genau" beobachte. Allein, es half nichts: Die Kurse fielen auch dort. Am Lissabonner Aktienmarkt herrsche Panik, sagten Börsenhändler. Pro Minute würden der Börse drei Millionen Euro entzogen. "Wir sind die neue Jagdbeute der Märkte", kommentierte Finanzminister Fernando Teixeira Dos Santos.

Das Problem der EU-Kommission: Sie kann zwar eine strikte Kontrolle der Finanzpolitik verfügen, wie im Fall Griechenlands. Doch wenn es hart auf hart kommt, stehen ihr kaum wirksame Sanktionsmechanismen zur Verfügung. Ein Mitgliedsland aus der Währungsunion auszuschließen, ist praktisch kaum möglich. Schafft Griechenland es nicht, sein Budget wie vereinbart bis zum Jahr 2012 von 12,7 Prozent auf 2,8 Prozent der Wirtschaftsleistung zu senken, kann Brüssel eine Geldstrafe verhängen oder Darlehenszahlungen der Europäischen Investmentbank einfrieren – weiter gehen darf Europa nicht.