Lawrence McDonald lacht. Was für ein Tag. Endlich ist er wieder gefragt. In seinem Appartment in der 58. Etage eines Wolkenkratzers in Manhattan laufen fast im Minutentakt die Anfragen der Journalisten ein. Gerade kommt McDonald zurück aus dem Fernsehstudio von CNN, gleich geht es zur BBC. Was McDonalds Telefon nicht mehr still stehen lässt, ist der Jahrestag der größten Pleite in der Geschichte.

In seinem früheren Leben war McDonald ein hochrangiger Händler bei Lehman Brothers. Heute, daraus macht er keinen Hehl, vermarktet er vor allem sein Buch Dead Bank Walking über den Zusammenbruch des Finanzhauses. Die meisten Anrufer wollen mit McDonald noch einmal die letzten, dramatischen Stunden in der Geschichte der 158 Jahre alten Investmentbank Revue passieren lassen.  

Dabei ist viel spannender, was der bestens vernetzte McDonald aus dem Inneren von Lehman Brothers des Jahres 2010 zu berichten weiß. Ganz richtig: Lehman Brothers gibt es noch. Die Bank ist auch zwei Jahre nach ihrer Insolvenz dick im Geschäft. Auf fünf Etagen des Time-Life-Buildings an der Avenue of the Americas arbeiten 500 Leute für die Lehman Brothers Holding. Die Zombie-Bank macht weiter Geschäfte – ganz wie in alten Zeiten. Ausgerechnet der Sektor, der Lehman das Genick gebrochen hat, ist weiterhin ein wichtiges Geschäftsfeld: Immobilien.

Obwohl Lehman pleite ist, steckte die Bank in den vergangenen zwei Jahren eine Milliarde Dollar in Apartments und Geschäftsimmobilien. Das Kalkül: den Wert der Immobilien maximieren und dann verkaufen. Das alles passiert im Auftrag der Gläubiger und mit dem Segen des Insolvenzgerichts. Bei einem schnellen Notverkauf aller Beteiligungen der Bank mitten in der Finanzkrise hätten die Gläubiger noch weniger von den Schulden gesehen. Je besser es der Wirtschaft wieder geht, desto höher steigt auch der Wert der Lehman-Reste, so die Hoffnung.

Was McDonald im Jahr 2010 aus dem Inneren von Lehman und von ehemaligen Kollegen hört, bringt ihn zu dem Schluss: "Das wird ein heißer Herbst." Im Umfeld von Lehman und seiner ehemaligen Führungsspitze würden die Anwaltsrechnungen explodieren. Die besten Kanzleien der Stadt seien dabei, Überstunden zu schieben. Das kann man als Zeichen werten, dass die Ermittler allmählich die Daumenschrauben anziehen und die Banker Rechtsbeistand bitter nötig haben. Auch an der Wall Street macht seit Wochen ein Gerücht die Runde: "Die SEC wird bald Anklage erheben."

Die SEC, das ist die Securities and Exchange Commission, die amerikanische Börsenaufsicht. Deren Chefin Mary Schapiro kam ins Amt, als der Ruf der Kontrollbehörde gerade völlig ruiniert war: Milliardenbetrüger Bernie Madoff war den Aufpassern durch die Lappen gegangen. Die ehrgeizige Schapiro will die als handzahm verschriene Behörde nun in einen echten Wachhund umbauen. Sie hat sich bereits in die Höhle des Löwen gewagt und Goldman Sachs angeklagt.

Präsident Obama unterstützt Schapiro und hat den Etat ihrer Behörde um zwölf Prozent auf 1,26 Milliarden Dollar erhöht. Nun können mehr Ermittler eingestellt werden, die sich durch undurchsichtige Bilanzen wühlen. "Schnelles und energisches Durchgreifen gegen Gesetzesbrecher steht im Zentrum unserer Anstrengungen, um das Vertrauen der Investoren wiederherzustellen", tönt Schapiro. Die Zahl der Ermittlungsverfahren sei seit ihrem Amtsantritt vor gut einem Jahr in die Höhe geschnellt.