Der geplante Zusammenschluss der Deutschen Börse mit der New York Stock Exchange wird von Beteiligten und Medien als Superbörse gefeiert. Doch tatsächlich spielen Aktien nur eine untergeordnete Rolle. Es geht um Derivate. Die Fusion der Börsen wirft ein Schlaglicht auf einen Markt, der der lukrativste der Finanzindustrie ist und der bisher weitgehend an den Börsen vorbei und unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet. Auf 600 Billionen Dollar ist die Summe der ausstehenden außerbörslichen Derivate angeschwollen, das ist das Zehnfache der gesamten globalen Wirtschaftsleistung. Kein anderer Bereich des Finanzwesens hat vergleichbare Wachstumsraten erzielt – und kein Bereich hat potenziell gefährlichere Auswirkungen für die Allgemeinheit. Es gibt bis heute keine Behörde, die diesen Markt überblickt, geschweige denn kontrolliert.

Der größte Teil des Marktes befindet sich in den Händen einiger weniger Banken. Sie bekämpfen mit allen Mitteln gegen jeden Versuch für mehr Transparenz und mehr Konkurrenz zu sorgen. Sie haben Hunderte Millionen für Lobbyisten ausgegeben, um die Reformen zu verhindern.

Es war einer von Präsident Obamas wenigen Erfolgen, dass der US-Kongress im vergangenen Jahr schärfere Regeln für diesen Schattenmarkt beschloss. Doch die Banken haben keineswegs aufgegeben. Im Gegenteil: Sie versuchen, die neuen Regeln noch vor dem Inkrafttreten auszuhöhlen. Denn die Reform muss nun von den Aufsehern in konkrete Vorschriften umgesetzt werden. Im Ringen um die Derivate-Pfründe schrecken die Beteiligten selbst vor zweifelhaften Mitteln nicht zurück. Es werden Briefe gefälscht und Gutachten manipuliert. Weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit geht der Kampf um die Derivate in die Endrunde – und es sieht nicht gut aus für die Regulierer.

Derivate haben Auswirkungen auf fast alle unsere alltäglichen Güter und Transaktionen. Denn die Kosten für die Transaktionen der Unternehmen fließen in das Endprodukt oder die Dienstleistung ein: Am Ende zahlt der Verbraucher. Die Transaktionen sind im Prinzip Wetten auf künftige Preisbewegungen von Devisen, Aktien, Rohstoffen und vor allem auf Zinsschwankungen. Mit ihrer Hilfe können Unternehmen und Großanleger wie Lebensversicherer oder Pensionskassen ihr Risiko minimieren – mit Vorteilen für alle Beteiligten. Ihre Gegenparts bei den Wetten sind Hedgefonds und die Händler der Banken, die auf Gewinne spekulieren.

Ein Teil der Derivate – etwa Terminkontrakte und Optionen – sind längst Standard geworden. Sie werden wie Aktien an Börsen gehandelt. Doch der größte Teil der Derivate wird zwischen den Vertragspartnern privat ausgehandelt – und die Banken sind die Makler. Dieser Markt, im Wall Street Jargon Over the Counter (OTC), ist selbst für Insider undurchsichtig. Vereinfacht dargestellt, läuft das Geschäft folgendermaßen ab: Ein US-Unternehmen mit Vertrieb in Europa handelt etwa mit einer Bank eine Transaktion aus, die es vor einem Euroverfall schützen soll. Die Bank will sich wiederum für den Fall absichern, dass sie das Unternehmen tatsächlich bezahlen muss, und vereinbart deshalb mit einem weiteren Finanzinstitut eine entsprechende Transaktion, die dieses Risiko aufhebt. Die Kosten für diese Absicherung plus eine eigene Marge nennt die Bank dem Unternehmen als Preis für die Eurokurstransaktion.

Wie gefährlich die Hinterzimmerdeals sind, zeigt die Finanzkatastrophe 2008. Es war der überhitzte US-Immobilienmarkt, der die Krise verursachte. Doch Derivate waren der Brandbeschleuniger. Die komplexen Kontrakte, die weltweit Banken, Versicherer und Investoren in ein komplexes Milliardennetz verstrickt hatten, sorgten dafür, dass die Pleite von Lehman Brothers und das Taumeln des Versicherungsriesen AIG zum Beinahe-Kollaps des gesamten Systems führten. Derivate waren die Dominosteine, die die Weltwirtschaft kippten. Nur Billionen Stützungsaktionen der Steuerzahler verhinderten das Schlimmste.

Obamas Reform sieht deshalb vor, die Transaktionen vermehrt über eine neutrale Stelle, ein sogenanntes Clearinghaus, abzuwickeln. Das Clearinghaus würde als Mittelsmann dazwischen gehen und bei einem Ausfall eines Vertragspartners einspringen. Dafür würden die Handelspartner Sicherheiten bei der Clearingstelle hinterlegen. Ein bei börsengehandelten Terminkontrakten lange bewährtes Verfahren. Die Börsen hoffen deshalb, sich ein großes Stück aus dem OTC-Handel herauszuschneiden.