Frauen werden schwanger und bekommen Kinder – das kostet die Krankenversicherung. Also nur fair, dass sie einen höheren Beitrag als Männer in der privaten Krankenkasse zahlen? Männer verursachen mehr Verkehrsunfälle. Also ist es gerecht, dass für sie eine höhere Kfz-Steuer fällig wird? Keineswegs, urteilte heute der Europäische Gerichtshof (EuGH) . Unterschiedliche Tarife für Männer und Frauen bei Versicherungen sind mit der Gleichstellungsrichtlinie der EU nicht vereinbar. Die bislang übliche Berücksichtigung des Geschlechts als Risikofaktor diskriminiere Frauen und sei deswegen ungültig.

Neu ist diese Erkenntnis freilich nicht: Die Richtlinie gilt bereits seit 2004 und schon seit 2007 sollten geschlechtsneutrale Tarife umgesetzt werden. Nur gab es bislang noch Ausnahmeklauseln, welche das Geschlecht als Risikofaktor für Versicherungsprämien  möglich machte. Diese Ausnahmen laufen mit dem heutigen Urteil endgültig am 21. Dezember 2012 aus. Ab dann müssen Versicherungen sogenannte geschlechtsneutrale Unisextarife anbieten – und zwar in allen 27 EU-Staaten.

Das Urteil schafft endlich Gleichbehandlung und kommt fast pünktlich zum Weltfrauentag, der am 8. März zum 100. Mal gefeiert wird. Frauenverbände und Verbraucherschützer begrüßen den Richterspruch. Geschlecht allein reiche als Merkmal für unterschiedlich hohe Beiträge nicht aus, sagt Lars Gatschke, Versicherungsexperte beim Bundesverband der Verbraucherzentralen. "Wir haben bislang von einer statistischen Sippenhaft gesprochen", sagt er. Stärkeren Einfluss als das Geschlecht hätten andere Faktoren wie Lebensgewohnheiten oder Alter. Die Riesterrente – bei der die Beiträge für beide Geschlechter gleich sind – zeige, dass Unisextarife erfolgreich funktionierten. Doch so groß die Freude über das Urteil auch ist, so groß ist auch die Sorge, dass es nun für alle teurer wird. Es sei davon auszugehen, dass die Versicherungen die Beiträge künftig für alle Versicherten anheben werden, sagt Gatschke.

Insbesondere bei den privaten Kranken- und Rentenversicherungen zahlten Männer bislang einen geringeren Beitrag als Frauen, sie kamen allerdings bei den Kfz-Versicherungen günstiger davon. Weil das jeweilige Risiko für die Versicherungsgesellschaften nun unübersichtlicher werde, sei von einer Erhöhung auszugehen, sagt Gatschke – und die werde mit großer Wahrscheinlichkeit bei allen Verbrauchern landen.

Auch der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) geht von einer Erhöhung aus. Der Verband ist der Ansicht, dass das Urteil nicht mehr Gerechtigkeit, sondern mehr Ungerechtigkeit schafft. Dass Frauen und Männer bislang unterschiedlich hohe Beiträge zahlen, hält man hier für sinnvoll. "Wir haben damit bislang der Realität Rechnung getragen. Frauen haben aus biologischen Gründen eine höhere Lebenserwartung, nicht nur wegen ihrer Lebensgewohnheiten. Junge Männer haben ein höheres Unfallrisiko als Frauen", sagt eine Sprecherin. Weil mit dem Urteil das Risiko für die Versicherungen größer werde, sei es zwingend, dass die Gesellschaften Sicherheitsaufschläge verlangten. Bei Rentenversicherungen beispielsweise müssten die Unternehmen die garantierten Beiträge einhalten und können diese nicht anpassen, wenn ein Versicherter deutlich älter wird als statistisch erwartet.

Der Bund der Versicherten glaubt dagegen nicht an steigende Beiträge. Eine Versicherung verteile mit der Prämie nur die Kosten der Schadensfälle auf die einzelnen Versicherten. Weil aber der Gesamtschaden durch das Urteil nicht steige, werden die Prämien in der Summe nicht steigen, sagt Hartmuth Wrocklage, der Vorsitzende des Verbands. "Wenn die Prämien insgesamt steigen, dann dient das ausschließlich der Gewinnsteigerung, aber nicht dem Ausgleich von geschlechtsneutralen Tarifen."

Bestehende Verträge sind von dem Urteil übrigens nicht betroffen. Sie gelten vorerst weiter. Eine Rückerstattung zu viel gezahlter Beiträge sieht das heutige Urteil nicht vor. Auch ist noch unklar, was bei neuen Verträgen zu beachten ist, die in der Übergangsphase bis zum 21.12.2012 abgeschlossen werden. Verbraucherschützer Gatschke empfiehlt: "Verbraucher sollten die Verträge in Ruhe prüfen und sich im Zweifelsfall unabhängig beraten lassen."