ZEIT ONLINE: In Frankfurt geht es wieder massiv bergab. Herr Halver, warum haben die Signale der Europäischen Zentralbank, Staatsanleihen von Italien und Spanien aufzukaufen , nicht länger für Auftrieb gesorgt?

Robert Halver: Zunächst mal: Am Markt hat man die Maßnahme der EZB begrüßt. Danach wurde die positive Stimmung, die von der EZB-Ankündigung ausging, getrübt durch neue Eindrücke darüber, dass die Politik offenkundig nicht mehr in der Lage ist, zu führen.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie?

Halver: Heute Morgen spricht der französische Finanzminister davon, bei Bedarf den europäischen Rettungsschirm aufzustocken. Nur kurz danach kommt dazu das "Nein" der Bundesregierung. Diese Kakophonie verunsichert die Märkte. Von der Politik werden stabile Rahmenbedingungen erwartet, nicht ein vielstimmiger Chor. Auf Dauer könnte das auch auf die Realwirtschaft durchschlagen, falls die Wirtschaft aus Unsicherheit ihre Investitionen drosselt.

ZEIT ONLINE: Noch ist die Lage aber ganz gut...

Halver: Das ist richtig, in Deutschland stimmen die Fundamentaldaten nach wie vor. Die Auftragslage ist gut, es werden Arbeitsplätze geschaffen. Der Dax steht, absolut betrachtet, weiterhin gut da. Aber wehret den Anfängen! Nach dem Lehman-Zusammenbruch hat die Politik gut und konsequent gehandelt, aber jetzt schwimmt man. Durch Zögern wurde viel Zeit verspielt, das Vertrauen in die Politik litt.

Aktuell kommt hinzu, dass seit dem Wochenende die Stimmung noch unsicherer geworden ist: Mit der Herabstufung der US-Bonität hat die Lage eine neue Dimension bekommen – es geht jetzt nicht mehr nur um die hohe Verschuldung in Europa. Die Börsianer sind entsetzt darüber , dass die Demokraten und Republikaner sich in Scharmützel ergehen statt zum Wohle des Landes zusammenzuarbeiten.

ZEIT ONLINE: Aber dass es um die Bonität der USA nicht gut bestellt ist, wusste doch schon vorher jeder. Warum reagieren die Märkte so deutlich auf die Herabstufung von Standard & Poor's?

Halver: Sicher, die Debatte um das Schuldenlimit geht schon eine Weile. Aber dass die Rating-Agentur ihre Drohung wirklich wahr macht und die Bonität schlechter bewertet, kam dann doch wie ein Schock. Die USA haben ihre "Unbeflecktheit" verloren. Seit Reagan hat die US-Regierung immer mit Schulden einer schwächelnden Wirtschaft wieder auf die Beine geholfen. Solche Schritte sind jetzt verbaut. Jetzt müssen die USA mitten in der Krise Reformen angehen. Das wird sehr schwierig werden – zumal wenn die streitenden Parteien nicht zusammenarbeiten und es keine Perspektiven gibt, wie man langfristig das Schuldenproblem löst.

ZEIT ONLINE: Wie wird es an den Finanzmärkten weitergehen – gute Nachrichten sind nicht in Sicht?

Halver: Die Unsicherheit wird anhalten. Wirtschafts- oder Unternehmensdaten kann ein Börsianer sauber nachvollziehen und bewerten, aber politische Börsen sind schwer einzuschätzen. Solange die Politik keine klaren Signale sendet, wird es an den Märkten wackelig bleiben. Das betrifft den Schuldenstreit in den USA genauso wie die Frage der Verschuldung in Europa. Man kann nicht permanent nur immer größere Rettungsschirme aufspannen. In manchen Ländern, wie Portugal oder Griechenland, sind längerfristig keine wirtschaftlichen Erfolge absehbar. Solche Länder werden womöglich die Eurozone verlassen müssen, um wieder durchatmen zu können. Das heißt aber nicht, dass man sie allein lässt.