"Das Kapital ist ein scheues Reh" – dieser Satz stammt von keinem Investmentbanker, sondern von Karl Marx höchstpersönlich. Marx brachte damit zum Ausdruck, dass Unternehmen und Investoren innerhalb kurzer Zeit ihr Kapital aus Staaten abziehen, in denen die Steuern erhöht werden. Doch derzeit blicken die ängstlichen Rehaugen des Kapitals weniger auf die Steuersätze, als vielmehr auf die Risiken, die mit den einzelnen Anlageklassen verbunden sind. Ganz besonders ausgeprägt scheint der Fluchtreflex am Aktienmarkt zu sein: Dort rauschte der Dax innerhalb von nur zwei Wochen um mehr als 15 Prozent in die Tiefe.

Auch von der Flucht aus Staatsanleihen ist zuweilen die Rede. Doch hier präsentieren die Märkte ein uneinheitliches Bild. Während die Kurse spanischer Anleihen im Lauf des Juli kräftig gesunken sind und damit auf größere Kapitalabflüsse schließen lassen, konnten Bundesanleihen im gleichen Zeitraum fast spiegelbildlich zulegen. Scheinbar widersinnig ist die Kursentwicklung von US-Staatsanleihen: Während das wochenlange öffentliche Gezerre um die Staatspleite am vergangen Wochenende in einer Herabstufung der Bonität durch die Rating-Agentur Standard&Poor's gipfelte, sind die Börsenkurse von US-Staatsanleihen – auch als Treasuries bezeichnet – seit Anfang Juli deutlich gestiegen.

Sehr gefragt waren auch Gold und der Schweizer Franken. So ist der Kurs des Schweizer Franken seit Anfang April sowohl gegenüber dem Euro als auch im Verhältnis zum US-Dollar um rund 20 Prozent gestiegen. In derselben Größenordnung kletterte in diesem Zeitraum auch der Goldpreis. Dass Franken und Gold mit Solidität und Sicherheit assoziiert werden, hat in Anlegerkreisen eine lange Tradition. Eine wichtige Rolle spielen dabei vor allem in Deutschland die uralten Inflationsängste und die Furcht vor einem Zusammenbruch des Euro. Allerdings signalisieren auf der anderen Seite die Marktdaten eher eine Flucht aus den Aktienmärkten als eine Flucht aus Staatsanleihen.

Verhalten sind bislang noch die Auswirkungen der Krise auf die Immobilienmärkte. Zwar ist die Zahl der Wohnungsneubauten in der USA zuletzt deutlich gestiegen. Doch aufgrund der lange anhaltenden Nachwirkungen der Immobilienkrise ist hier kein Boom, sondern allenfalls eine leichte Erholung zu verzeichnen. Deutlicher zeigt sich der Immobilienaufschwung in Deutschland, wo in den vergangenen Monaten die Preise vielerorts deutlich gestiegen sind. Allerdings taugt der Immobilienmarkt mit seinen langen Reaktionszeiten nur sehr begrenzt als Indikator für eine Flucht in Sachwerte.

Damit deckt sich das gefühlte Anlegerverhalten in weiten Teilen nicht mit der Realität. Mit den Treasuries erweist sich gerade die Anlageklasse, die in jüngster Vergangenheit mit Negativschlagzeilen verbunden war, als erstaunlich robust. Das scheue Kapital zeigt ein wenig arttypisches Verhalten: Trotz der Angst vor der amerikanischen Staatspleite flieht es nicht wie ein aufgeschrecktes Reh in großen Sprüngen, sondern bewegt sich scheinbar wie ein störrischer Esel nicht von der Stelle.