Die von Deutschland und Frankreich vorgeschlagene Finanztransaktionssteuer stößt beim Aktienmarktbetreiber Deutsche Börse auf Ablehnung. Eine solche Steuer "schafft Anreize, noch stärker als bisher in die Nischen auszuweichen, die von dieser Steuer nicht erfasst sind", schrieb der Dax-Konzern in einem Kommentar zu der am Dienstag präsentierten Initiative von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy. Die Transaktionssteuer wäre "ein Geschenk an die unregulierten Finanzplätze und Finanzprodukte dieser Welt".

Am deutschen Aktienmarkt wurde die Ankündigung, dass die Finanzminister beider Länder im September einen Vorschlag zur Einführung der Steuer machen wollen, als sehr negativ für den Marktbetreiber angesehen. Die Aktie der Deutschen Börse verlor sieben Prozent und war der größte Verlierer im Dax.

Die Steuer soll hektische Aktivitäten an den Börsen, mit denen vor allem durch eine hohe Zahl von Finanzbewegungen Gewinne erzielt werden, weniger attraktiv machen und Spekulationen eindämmen. Zudem bringt die Steuer wegen des großen Volumens der Handelsaktivitäten viel Geld ein. Kritiker argumentieren, dass auch Kleinsparer belastet würden, etwa bei der privaten Altersvorsorge. 

"Massenhaftes Ausweichen auf andere Finanzplätze"

Der Privatbanken-Verband BdB lehnt eine Besteuerung aller Finanztransaktionen ab. Damit lasse sich die europäische Währungsunion nicht stabilisieren, teilte der Bundesverband mit. Eine isolierte Einführung der Steuer in einzelnen Ländern oder nur im Euro-Raum würde zu Wettbewerbsverzerrungen und einem massenhaften Ausweichen der Marktteilnehmer auf andere Finanzplätze führen. "Weder die gewünschten Lenkungsfunktionen noch die erwarteten Steuereinnahmen werden sich realisieren lassen", warnte der BdB.

"Dieser Strafzuschlag wird den Finanzsektor wohl zusätzlich belasten", sagte Jonathan Sudaria vom Broker-Haus Capital Spreads. Nach Ansicht des DZB-Analysten Matthias Dürr würde eine Transaktionssteuer vor allem den Hochfrequenzhandel beeinträchtigen. Dabei kaufen und verkaufen Computerprogramme auf Basis komplizierter Formeln Wertpapiere in Sekunden. Schnell kommen mehrere Tausend Orders zusammen – daher spielen die Kosten pro Wertpapier-Transaktion eine wichtige Rolle.

FDP verlangt Anwendung auf die gesamte EU

Eine Finanztransaktionssteuer muss nach Ansicht der FDP für die gesamte Europäische Union gelten. Ihr Generalsekretär Christian Lindner sagte, dieses Vorhaben sei nur gleichzeitig in allen 27 EU-Staaten realisierbar. Die Interessen des Finanzplatzes Deutschland im Vergleich zum Finanzplatz London dürften nicht gefährdet werden. Die FDP erwarte nun die Vorschläge von Finanzminister Wolfgang Schäuble. Anders als die Opposition lobten die Liberalen die von Merkel und Sarkozy vorgeschlagenen Maßnahmen zur Bekämpfung der Schuldenkrise in der Euro-Zone.

Die geplante Steuer soll auf den Handel fast aller Finanzprodukte aufgeschlagen werden, also Aktien, Währungen und Wertpapiere, mit denen auf Rohstoffe oder Immobilien spekuliert wird. Damit funktioniert die Steuer ähnlich wie eine Mehrwertsteuer. Diskutiert werden Sätze von 0,01 bis 0,25 Prozent. In Deutschland zum Beispiel schlagen Befürworter der Steuer einen Satz von 0,05 Prozent vor. Das könnte Einnahmen von 10 bis 36 Milliarden Euro pro Jahr bringen.

Die Idee für eine solche Steuer stammt aus dem Jahr 1972. Umgesetzt wurde sie aber noch nirgendwo. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise schaffte es die Finanztransaktionssteuer auf die Tagesordnung des G-20-Gipfels im Herbst 2009 in Pittsburgh. Der Internationale Währungsfonds (IWF) wurde beauftragt, einen Vorschlag zur Umsetzung zu machen. Er sprach sich im April 2010 für eine Finanzaktivitätssteuer aus. Das EU-Parlament stimmte im März 2011 für eine Finanztransaktionssteuer.