Wann ist ein Kurseinbruch ein Crash und wann eine Korrektur? Eine feste Definition gibt es nicht, aber nach herrschender Börsenmeinung würde man einen Kursrückgang um gut zwölf Prozent, wie ihn der Dax in den vergangenen Tagen erlitten hat, als Korrektur bezeichnen. Wenn jedoch der Dow Jones Index nach sieben Tagen mit Verlusten am achten um mehr als 500 Punkte einbricht, riecht das schon gefährlich nach Crash. Für Optimismus lassen die panikartigen Verkäufe wenig Raum.

Skeptisch stimmt zum einen die extreme Tragweite der Verkaufswelle , die von Europa nach Süd- und Nordamerika reicht und auch den Rohstoffmarkt durchwirbelt. Selbst Gold, bisher Fluchtwährung und Hort der Stabilität, geriet jetzt erstmals in den Sog, weil sich Investoren vor höheren Auflagen an den Terminbörsen fürchten oder Geld brauchen, um Verluste an anderen Märkten auszugleichen.

Was noch schlimmer ist: Der Einbruch in dieser Woche kam zu einem Zeitpunkt, als ihn niemand erwartete. Alles hatte mit einem Börsenbeben gerechnet, wenn die USA ohne Einigung im Schuldenstreit in die Zahlungsunfähigkeit gerasselt wären. Nach der Einigung am Sonntagabend standen die Zeichen dagegen auf Erholungsrally.

Stattdessen flüchten die Anleger in Scharen – ohne konkreten Anlass, getrieben von Ängsten: Ängsten vor einem Schuldenkollaps in der Euro-Zone, vor einer Rezession in den USA und einer Herabstufung deren Top-Ratings, vor einem abrupten Ende des Gewinnsteigerungszyklus der Unternehmen, vor einem Kollaps der Währungsmärkte.

Das Fatale ist, dass niemand den Ängsten etwas entgegenzusetzen hat. Im Gegenteil: In den vergangenen Tagen hagelte es Warnungen von offiziellen Stellen wie Schweizer Nationalbank, EU-Kommission und zuletzt auch EZB-Präsident Jean-Claude Trichet . Mit konkreten Schritten gegen die Misere tun sich die Verantwortlichen dagegen schwer. Viel mehr als weitere Liquiditätshilfen für die Märkte über Zinssenkungen, höhere Ausleihungen oder Anleihekäufe fällt den Notenbanken nicht ein. Der Politik scheinen die Probleme ohnehin längst über den Kopf gewachsen.

So wächst die Gefahr, dass die von Ängsten getriebene Verkaufspanik die Wahrscheinlichkeit einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung wird. Das gilt für die Euro-Zone: Je heftiger die Märkte schaukeln, desto schwerer wird es für die Wackelkandidaten Italien und Spanien, sich am Markt zu refinanzieren. Wenn dann auch noch die Konjunktur absackt, potenzieren sich die Probleme.

In den USA sieht es kaum besser aus: Die fragile US-Wirtschaft dürfte ein Börsencrash schnurstracks zurück in die Rezession stürzen. Ob das Bekenntnis zu Ausgabendisziplin in diesem Fall Bestand hätte, darf stark bezweifelt werden. Ein niedrigeres Rating wäre die logische Konsequenz.
Noch sind wir nicht so weit. Am Nachmittag steht in den USA aber der monatliche Arbeitsmarktbericht an. In den vergangenen Monaten sorgte dieser verlässlich für Hiobsbotschaften. Enttäuscht der Arbeitsmarkt im aktuellen Börsenumfeld erneut, dürfte die nächste heftige Abwärtswelle losbrechen. Dann hieße es wohl endgültig: "Willkommen im Crash!" 

Entnommen aus dem Handelsblatt Online Blog Global Markets